— 102—
zu werden, und ich ſterbe beruhigt über ihr Schickſal!“
Ach, Du hatteſt Recht, mein Freund; ja, unſere Ehe, unſere heilige und wahre Ehe rührt von dem feierlichen Augenblicke her, als die ſchon erkaltende Hand meiner Mutter Deine Hand in die meinige legte, indem ſie mit erlöſchender Stimme ſagte:„Seid vereinigt! Ich ſegne Euch, meine Kinder!“
Ja, ja, Du hatteſt Recht, mein Anatole. Von da ab war ich Dein, und was iſt jetzt für unſere ſo heilig geſchloſſene Verbindung die menſchliche Weihe? Eine in den Augen der Welt unerläßliche Formalität, welche, eben auch in den Augen der Welt, bis nach Ablauf meiner Trauer hinausgeſchoben werden muß. Ach, wird für mich je die Trauer der Seele enden, die unvergängliche Erinnerung an eine angebetete Mutter?
Ich habe Dir oft geſagt, mein Anatole, daß mein Schmerz nichts Bitteres hat. Haſt Du von dem Augenblicke an, als ich fromm die Augen der theuren Mutter zudrückte, die Dich ſchon wie einen Sohn liebte, je geſehen, daß ich mich jenen
Anfällen von Verzweiflung überließ, die uns töd⸗
ten würden, wenn ſie ſich verlängerten? Nein, Du weißt, mein Freund, daß mein Schmerz, ſo wie jedes wahre Gefühl, ruhig, überlegt war.


