begriff Alles deſſen woran ihre Seele hing und mit feſten, unauflöslichen Banden gekettet war. Sie empfand dies, ohne es ſich klar zu machen, nur an der Heftigkeit und Gewalt des Schmerzes, welcher ihre junge, unſchuldsvolle Seele, wie der Raubvogel eine weiße Taube, mit ſcharfen, gierigen Krallen erfaßt hatte und ſich an ihrem Todes⸗ flattern weidete. Sie hatte eine tiefe, unüberwindliche Sehnſucht nach dem Erliegen in dieſem Kampfe, und das Aufhören eines Daſeins, welches ſtets ſo freudenlos ge⸗ weſen und deffen einzige kurze Frühlingszeit der Gewitter⸗ ſturm eines bie dahin ungekannten Schmerzes wieder zer⸗ ſtört hatte, heimelte ſie ſo verlockend an, wie den Müden der Schlaf.—
Was denkt und empfindet ein junges Mädchen in ſolchen Stunden nicht Alles, deſſen Herz und Seelenleben noch nicht zum ſelbſterkennenden Bewußtſein gekommen iſt? Sie wird die willenloſe Beute ihres Schmerzes und ihrer Freude, denn erſt wenn die Erfahrung des Lebens uns ab⸗ geklärt hat, ſind wir befähigt, uns ſelbſt von unſeren Ge⸗ fühlen Rechenſchaft zu geben, ſie zu zergliedern und von einem außer uns ſelbſt befindlichen Standpuncte wie eine fremde Erſcheinung zu betrachten. Auf einem ſolchen Standpuncte der Selbſterkenntniß angelangt, hat es mehr oder weniger aber mit dem Gefühlsleben ſelbſt ein Ende; denn wir betrachten uns dann ſelbſt wie der Arzt einen Kranken oder der Techniker eine Maſchine, und ſind bemüht
Gräfin und Morquiſe. M. 14


