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Onkel Tom's Hütte, oder Negerleben in den Sklavenstaaten von Amerika : nebst der neuen von der Verfasserin eigens für Europa geschriebenen Vorrede / von Harriet Stowe, geb. Beecher ; nach der zwanzigsten amerikanischen Auflage aus dem Englischen
Entstehung
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iſt es eine unbeſtimmte, apoſtoliſche Tradition geworden? Ihr betet für die Hei⸗ den in der Ferne; betet auch für die in der Heimath. Und betet auch für die un⸗ glücklichen Chriſten, deren ganze Ausſicht religiöſer Verbeſſerung auf dem Zu⸗ falle des Handels beruht, für welche die Befolgung chriſtlicher Muoral in vielen Fällen eine Unmöglichkeit iſt, es müßte ihnen denn von Oben der Muth und die Gnade des Märtyrerthums verliehen werden.

Doch noch mehr. An den Küſten unſerer freien Staaten landen die armen zerſtreuten Ueberbleibſel auseinandergeriſſener Familien, Männer und Weiber, durch wunderbare Fügungen der Vorſehung der Geißel der Sklaverei entronnen, ſchwach im Wiſſen, und in vielen Fällen moraliſch krank, in Folge eines Syſte⸗ mes, welches jeden Grundſatz des Chriſtenthums und der Moral entſtellt oder verwirrt. Sie kommen, um unter Euch eine Zufluchtſtätte zu ſuchen; ſie kommen, um Erziehung, Kenntniſſe, Chriſtenthum zu ſuchen.

Was ſeid Ihr dieſen armen Unglücklichen ſchuldig, Ihr Chriſten? Iſt nicht jeder amerikaniſche Chriſt dem afrikaniſchen Stamme zu irgend einer Anſtrengung verpflichtet, um dgs Unrecht zu vergüten, das die amerikaniſche Nation ihm zu⸗ gefügt hat? Sollen die Thüren der Kirchen und Schulen ihnen verſchloſſen ſein? Sollen Staaten aufſtehen und ſie ausſtoßen? Soll die Kirche Chriſti ſchweigend den Hohn dulden, der ihnen zugefügt wird, vor der hilfloſen Hand, die ſie ausſtrecken, zurückweichen, und durch ihr Schweigen die Grauſamkeit er⸗ muthigen, die ſie von unſern Küſten vertreiben will? Muß es ſo ſein, dann wird es ein trauriges Schauſpiel geben. Muß es ſo ſein, dann wird das Land Urſache haben, zu zittern, wenn es daran denkt, daß das Geſchick der Nationen in den Händen Eines liegt, der mitleidig und barmherzig iſt.

Sagt Ihr:Wir brauchen ſie hier nicht; mögen ſie nach Afrika gehen?

Daß die Vorſehung Gottes ihnen in Afrika eine Zufluchtsſtätte bewahrt, iſt allerdings eine große und bemerkenswerthe Thatſache; doch das iſt kein Grund, der die Kirche Chriſti von der Verantwortlichkeit gegen dieſen ausge⸗ ſtoßenen Stamm freiſpricht, die ihr Glaube ihr auferlegt.

Liberia mit einem unwiſſenden, unerfahrenen, halbbarbariſchen Geſchlechte anzufüllen, das eben erſt den Feſſeln der Sklaverei entrann, würde nur auf Menſchenalter hinaus die Kämpfe verlängern, welche von jeder neuen Unter⸗ nehmung unzertrennlich ſind. Möge die Kirche des Nordens dieſe armen Dul⸗ der in dem Geiſte Chriſti aufnehmen, ihnen die Vortheile einer chriſtlich⸗republi⸗ kaniſchen Geſellſchaft und Erziehung gewähren, bis ſie einen Grad moraliſcher und geiſtiger Reife erreicht haben, und dann ſei man ihnen zur Ueberfahrt nach den Küſten behilflich, wo ſie das, was ſie in Amerika gelernt haben, zur Aus⸗ übung bringen mögen.

Ss giebt einen verhältnißmäßig kleinen Verein von Männern im Norden, die dies gethan haben, und als Reſültat davon hat dieſes Land ſchon Beiſpiele von Männern geſehen, welche früher Sklaven waren, und ſchnell Bildung, Ruf und Vermögen erworben haben. Es iſt Talent entwickelt worden, welches mit Berüͤckſichtigung der Umſtände gewiß ſehr bemerkenswerth warz und in Be⸗ ziehung auf moraliſche Züge von Rechtſchaffenheit, Güte und Zärtlichkeit der Gefühle oder heldenmüthiger Anſtrengung und Selbſtverleugnung zur Be⸗ freiung von Brüdern und Freunden, die noch in der Sklaverei ſchmachteten, ha⸗ ben ſie ſich in einem Grade ausgezeichnet, der in Erwägung der Umſtände, un⸗ ter denen ſie geboren wurden, wahrhaft ſtaunenerregend iſt.

Die Verfaſſerin lebte viele Jahre an der Grenze der Sklavenſtaaten und hatte oft Gelegenheit, ehemalige Sklaven zu beobachten. Es waren einige als Diener in ihrer eigenen Familie, und in Ermangelung einer andern Schule zu

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