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Onkel Tom's Hütte, oder Negerleben in den Sklavenstaaten von Amerika : nebst der neuen von der Verfasserin eigens für Europa geschriebenen Vorrede / von Harriet Stowe, geb. Beecher ; nach der zwanzigsten amerikanischen Auflage aus dem Englischen
Entstehung
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der gewöhnlichen Menſchen wir haben die Anſprüche eines beleidigten Stam⸗ mes auf Genugthuung. Aber ich will das nicht; ich will ein eignes Land, eine eigne Nation. Ich denke, daß der afrikaniſche Stamm ſeine Eigenthümlich⸗ keiten hat, die noch in dem Lichte der Civiliſation und des Chriſtenthums ent⸗ faltet werden können, und welche, wenn nicht dieſelben, wie bei den Angelſachen, doch moraliſch ſogar von einem höhern Typus ſein können.

Dem engliſchen Stamme ſind die Geſchicke der Welt während ihrer Zeit des Kampfes und des Ringens anvertraut geweſen. Zu dieſer Miſſion waren ſeine ſtrengen, unbeugſamen, entſchloſſenen Elemente wohlgeeignet, doch als Chriſt ſehe ich einer andern Aera entgegen. An ihren Grenzen ſtehen wir, wie ich hoffe und die Wehen, welche jetzt die Nationen durchzucken, ſind meiner Hoffnung nach nur die Geburtswehen einer Zeit des allgemeinen Friedens und allgemeiner Brüderſchaft.

Ich bin überzeugt, daß die Entwicklung Afrika's eine weſentlich chriſtliche ſein wird. Iſt der afrikaniſche Stamm kein herrſchender und gebietender, ſo iſt er wenigſtens ein gefühlvoller, großherziger, verzeihender. Nachdem er in der Hölle der Ungerechtigkeit und Bedrückung geſchmachtet, muß er nur um ſo feſter die erhabene Lehre der Liebe und Verzeihung in ſein Herz ſchließen, durch welche allein er erobern kann und deren Verbreitung über den Continent von Afrika ſeine Miſſion iſt.

Ich ſelbſt, ich geſtehe es, bin zu ſchwach dazu die Hälfte des Blutes in mei⸗ nen Adern iſt das heiße ſächſiſche; aber ich habe einen beredten Vertheidiger des Altars beſtändig an meiner Seite in der Perſon meiner ſchönen Frau. Schweife ich ab, ſo führt ihr milderer Geiſt mich ſtets zurück und ſtellt mir den chriſtlichen Beruf und die Miſſion unſers Stammes vor Augen. Als chriſtlicher Patriot, als ein Lehrer des Chriſtenthums, gehe ich nach meinem Vaterlande meinem erwählten, meinem glorreichen Afrika! Und in meinem Herzen wende ich auf daſſelbe zuweilen die herrlichen prophetiſchen Worte an: Wo du verlaſſen und verhaßt warſt, ſo daß Niemand von dir wiſſen wollte, da will ich dich zu ewigem Ruhm erheben und zur Freude vieler Generationen! Sie werden mich einen Enthuſiaſten nennen, werden ſagen, daß ich nicht wol erwogen habe, was ich unternehmen will. Aber ich habe erwogen und die Koſten berechnet. Ich gehe nach Liberia, nicht wie nach einem romantiſchen Elyſium, ſondern wie auf ein Feld der Arbeit. Ich bin gefaßt darauf, mit beiden Händen zu ar⸗ beiten ſchwer zu arbeiten; gegen alle möglichen Schwierigkeiten und Ent⸗ muthigungen zu kämpfen und zu arbeiten, bis ich ſterbe. Das iſt mein Ziel und ich bin überzeugt, daß ich mich darin nicht getäuſcht haben werde.

Was Sie auch von meinem Entſchluß halten mögen, entziehen Sie mir deshalb Ihr Vertrauen nicht, und glauben Sie, daß ich bei Allem, was ich thue, mit einem Herzen handle, das ganz meinem Volke angehört.

George Harris.

Ueber unſere übrigen Perſonen haben wir nichts beſonderes zu ſagen, außer einige Worte in Bezug auf Ophelia und Topſy und ein Abſchiedskapitel, welches wir George Shelby widmen werden.

Miß Ophelia nahm Topſy zur großen Ueberraſchung der ernſthaften be⸗ dächtigen Perſonen, welche ein Neuengländer unter der Bezeichnungunſere Leute anerkennt, mit nach Vermont.Unſere Leute hielten ſie Anfangs für einen ſonderbaren, unnöthigen Zuwachs ihres gut eingerichteten Hausweſens, aber Miß Ophelia war in ihrem gewiſſenhaften Bemühen, an ihrem Zöglinge ihre Pflicht zu erfüllen, ſo glücklich, daß das Kind bei der Familie und der Nach⸗ barſchaft ſchnell an Gunſt und Gnade zunahm. Als ſie zu reiferen Jahren ge⸗