Druckschrift 
Onkel Tom's Hütte, oder Negerleben in den Sklavenstaaten von Amerika : nebst der neuen von der Verfasserin eigens für Europa geschriebenen Vorrede / von Harriet Stowe, geb. Beecher ; nach der zwanzigsten amerikanischen Auflage aus dem Englischen
Entstehung
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IV

Wir behaupten jedoch nicht, daß ein Charakter, wie der des Onkel Tom, häufig iſt; allein er hat mehr als einmal in der Wirklichkeit exiſtirt, und es ſind ſoviel Verläum⸗ dungen, Schmähungen und erdichtete Laſter auf das Haupt der unglücklichen Afrikaner geladen worden, daß er wohl Anſpruch auf den Vortheil der ſchönſten Darſtellung hat, die ſich mit der Wahrſcheinlichkeit und der Wirklichkeit verträgt.

Nicht mit Verzweiflung, ſondern mit Hoffnung und Vertrauen müſſen wir den Kampf betrachten, der Amerika gegenwärtig erſchüttert. Es iſt der Nothſchrei des Dämons der Sklaverei, der von ferne die Stimme eines herannahenden Meſſias gehört hat und die edle Hülle ſchüttelt, die Er ihm endlich abſtreifen wird.

Es iſt unmöglich, daß eine ſolche Schmach noch länger im Schooße einer Nation beſtehen kann, welche in jeder andren Beziehung im weiteſten umfange den erhabenen Grundſätzen der allgemeinen Bruderliebe huldigt. In Amerika haben Franzoſen, Deutſche, Italiener, Ungarn, Schweden und Celten gleiche Rechte; alle Nationen entfalten dort ihrt charakteriſtiſchen Vorzüge und die liberalen Landesgeſetze gewähren ihnen die nämlichen Privilegien; Alles zielt darauf hin, zu befreien, zu humaniſiren und zu erheben, und aus eben dieſem Grunde ſteht die Sklaverei von Jahr zu Jahr in immer grellerem Wider⸗ ſpruche mit den übrigen Staatseinrichtungen. Der Strom des menſchlichen Fortſchritts, vergrößert und erweitert durch die hinzuſtrömenden Kräfte aller Nationen, begegnet dem Damme, hinter welchem alle unwiſſenheit, alle Grauſamkeiten und alle Bedrückungen der Vorzeit aufeinandergehäuft ſind; gegenwärtig tobt und ſchäumt er noch in der Tiefe, aber er ſteigt mit jedem Jahre und endlich wird er mit einem gewaltigen Stoße, gleich dem des Niagara, den Damm hinwegſpülen. Dichter, Redner und Schriftſteller: Alles hat die Sklaverei gegen ſich, denn es giebt keine göttliche Kraft im Menſchen, die es nicht mit der Freiheit hielte. Anfangs überfluthete die Sklaverei alle Staaten der Union; gegenwärtig hat die Macht des Fortſchritts ſchon die Mehrzahl derſelben emancipirt. Auch in Kentucky, Tenneſſee, Virginien und Maryland ſind zu verſchiedenen Zeiten große An⸗ ſtrengungen für die Emancipation gemacht worden, welche durch den Vergleich des zuneh⸗ menden Reichthums der freien Staaten mit der Armuth und Unfruchtbarkeit unterſtützt wurden, die ein Syſtem, welches binnen wenigen Jahren alle Ertragsquellen des Bodens verſtopft, ohne einen Erſatz dafür zu bieten, nothwendig herbeiführen muß. Die Zeit kann nicht mehr fern ſein, wo dieſe Staaten ſich um der Selbſterhaltung willen emanei⸗ piren werden, und wenn keine neuen Sklavenſtaaten hinzukommen, wird ſchon die ſtarke Vermehrung der Sklavenbevölkerung die noch vorhandenen zu Emancipationsmaßregeln zwingen. Dies iſt der entſcheidende Punkt. Wird kein neues Sklavengebiet gewonnen, ſo muß die Sklaverei aufhören; im andern Falle wird ſie fortbeſtehen. um dieſen Punkt manövriren und kämpfen die politiſchen Parteien, mit jedem Jahre wird der Kampf heißer und er iſt ſchon nahe daran, die wichtigſte Nationalfrage zu werden. Durch das Geſetz über die flüchtigen Sklaven von 1850 errang die Sklaverei allerdings noch einen Sieg; allein es war ein Sieg wie der des Pyrrhus noch ein ſolcher, und es iſt um ſie geſchehen. Gerade dieſes Geſetz hat mehr als alle bisherigen Mittel dazu beigetragen, die moraliſche Kraft der Nation gegen die Sklaverei zu concentriren.

Die inneren Kämpfe keiner andren Nation können für Europa ein ſo großes Inter⸗ eſſe haben, als die der Amerikaner, denn Amerika füllt ſich immer mehr mit Europäern, und jeder neue Einwanderer hat faſt ſogleich eine Stimme bei den Berathungen des Landes.

Wenn daher die Bedrängten anderer Nationen in Amerika ein Aſyl von dauernder Freiheit finden wollen, ſo müſſen ſie mit Herz, Hand und Mund gegen die Sklaverei gerüſtet dahin kommen, denn wer Andere zu Sklaven macht, kann ſelbſt nicht lange frei bleiben.

Ewig wahr bleiben die erhabenen Worte:Eine Nation, bei der die Frei⸗ heit Privilegium und nicht Princip iſt, kann nicht frei ſein.