Teil eines Werkes 
Der große Reichstag zu Augsburg und der Zug nach Tunis : 3. Theil (1850)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

3

26 Der große Reichstag zu Augsburg

ternachtsſtunde ertoͤnte von den Thuͤrmen, als ſie vor dem finſtern Hauſe anlangten. Naſſau hatte ſeine Vorkehrun⸗ gen gut getroffen. Durch einen offnen Thorgang gelangten ſie in einen engen Hof, an deſſen Ende der Graf eine Stallthuͤre oͤffnete. Der Kaiſer nahm die Fackel, der Graf befahl den beiden Soldknechten die Wache im Hofe an. Er trat mit den Kaiſer ein. Auf einem Strohbuͤndel lag die noch im Tode ſchoͤne junge Frau. Karl beleuchtete ſie ſchweigend, dann ergriff er ihre Hand und fluͤſterte:„So⸗ naca!“ Die Augen wurden ihm feucht. Sein ſchoͤnſter Jugendtraum ſtand lebhaft vor ſeiner Seele. Er fuͤhlte, daß er einſt einen Himmel auf Erden gehabt, als er das

Haupt auf der Bruſt dieſes Weibes gewiegt. Die Kronen

hatten dieſen ſuͤßen Himmel fuͤr immer verſcheucht. Sie hatte den ihrigen behalten bis zum Augenblick ihres Todes. Sie war mit dem Herzen voll Liebe fuͤr ihn geſtorben. Zwei bittre Schmerzensthraͤnen rollten uͤber Karls Wangen. „Komm!“ war das einzige Wort, das er ſprach, und ſie gingen. Karl hatte von ſeiner Jugend Abſchied genom⸗ men. Waͤhrend er heute mit unvergleichlichem Prachtge⸗

praͤnge zu ſeiner kalten Kroͤnung gezogen war, war ſie in

ſeliger warmer Liebe geſtorben und lag nun auf Stroh in

einem duͤſtern Stalle. Und dieſe beiden Herzen hatten einſt

in heißem Jugendleben an einander geſchlagen.— Seht

da die Menſchengeſchicke! In der bitterſten Stimmung betrat der Kaiſer ſeine

Gemaͤcher wieder. Er blieb allein und durchlas ſeines Va⸗