Das Maiblümchen. 23
tung erkoren. Endlich iſt Alles zum Ausſteigen vorbereitet, da bemerkt Peter, daß ihm ſeine Mütze noch fehlt.
— Mein Gott, wo mag denn die Mütze ſein? fragt die Dame ſich ſelbſt. Ich habe ſie an den Fuß des Tiſches gelegt— vielleicht findet ſie ſich auf irgend einem Bette.
— Die Wärterin nimmt ein Licht, und macht ohne Umſtände einen en pu die Betten, indem ſie jedem Schläfer das Licht dicht vor die Naſe hält.
— Hier iſt ſie! ruft ſie endlich, und zieht einen ſchwarzen Gegenſtand unter einem Kopfkiſſen hervor.
— Gott bewahre, das ſind ja meine Schuhe! ruft ärgerlich eine Schläferin.
— Ah, dann iſt ſie hier! ruft die Magd, indem ſie einen ſchwarzen Gegenſtand auf einem andern Bette erblickt.
— Nein, das iſt meine Reiſetaſche! antwortet eine Frau.
Die Aufwärterin ſetzt ihre Unterſuchung fort, und hebt alle auf den Boden gebetteten Kinder auf, um zu ſehen, ob die Mütze nicht zu finden ſei; dieſe Operation weckt natürlich die Kleinen aus dem Schlafe, ein lautes Geſchrei erhebt ſich, das wiederum die Reiſenden völlig ermuntert. Aber es werden auch Wünſche wach, die Petern und ſeiner Mütze einen Platz auf dem Grunde des Kanals nicht mißgönnen. Da ruft plötzlich die Mutter:
— Ach, das nenne ich ein Glück! Hier liegt ja die Mütze in meinem Korbe. Sie iſt da! Sie iſt da!.
Endlich geht die Dame; eine Fluth von— nun ich will es nur ſagen, tt die Geſellſchaft aus Damen beſteht— eine Fluth von Ver⸗ wünſchungen begleitet ſie. Nach dieſer unerquicklichen Scene huſten die Kinder, nieſen die alten und räuſpern ſich die jungen Damen. Zu gleicher Zeit laſſen ich aus den verſchiedenen Stockwerken der Betten eben ſo er⸗ bauliche als lehrreiche Bemerkungen vernehmen. Eine Dame will den Schluß gezogen haben, daß die Frau mit der Mütze nicht an Ordnung gewöhnt ſei; eine andere ſagt, ſie ſei im Stande, die ganze Welt aufzu⸗ wecken; eine dritte fügt hinzu, es ſei entſetzlich, daß die Kinder geſtört wären; und die andern von einem gewiſſen Alter ſtellen moraliſche Be⸗ trachtungen an über die Wichtigkeit der Ordnung in den Sachen, ohne welche man nie finden könne, was man nöthig hat. Dieſe langſam nnd ſchläfrig gemachten Bemerkungen bilden den harmoniſchen Grundbaß zu dem im Biscant gehaltenen Geflüſter der Inhaberinnen des erſten Stocks, die laut erklären, daß ſie völlig munter geworden ſind, und daß ſie nicht daran denken, wieder einzuſchlafen. Nun plaudern ſie über alle nur er⸗ denklichen Gegenſtände, und zwar mit einer ſo eminenten Zungenfertigkeit, daß man wünſchen möchte, man ſtehe zu ihnen in einer Beziehung, die einen entſchiedenen Befehl zum Schweigen erlaubte.
Endlich aber fordert die Natur dennoch ihren Zoll, die Zungen wer⸗ den ruhig, und die Augen ſchließen ſich; man ſchläft einen erquickenden Schlaf. Faſt ſcheint es, als ob man nun eine Viertelſtunde dieſes Glück genoſſen habe, wenn die Aufwärterin am Aermel zupft und ruft: —Stehen Sie gefälligſt auf, Madame, die Betten müſſen aufge⸗ räumt werden!
Man reißt die Augen auf, und ſieht ſich erſtaunt um: die Nacht iſt eoribe, der Leſer kennt nun eine Nacht auf dem amerikaniſchen analboote.


