Das Maiblümchen. 119
Während dieſer Zeit ſtellt ſich der Schlaf bei den Kindern ein, und in den verſchiedenen Winkeln des Raumes beginnen intereſſante Duette und Terzette.— Mamma, ich bin müde! lallt ein Kind.— Wo iſt die Nachtjacke des Kindes? fragt eine Amme.— Nimm Peter auf den Schooß, damit er ruhig bleibt!— Ich bitte, geben Sie den Kleinen Zwieback, damit ſie nicht ſo ſchreien.— Und alle dieſe Phraſen werden von dem Geſchrei der kleinen Kinder begleitet, piano, forte, ſanft und ſtürmiſch, wie es die Natur der Concertiſten erfordert. Dazu kommen die Seufzer der troſtloſen Mütter, es ſcheint, als ob ihnen das Ende der Welt nahe ſei. Die jungen Perſonen ſprechen ihr Erſtaunen darüber aus, daß Mütter mit ihren Kindern reiſen können.
Wiederum ändert ſich die Scene. Die ganze Karawane wird in die Herren⸗Kajüte geſchickt, damit man die Betten aufſchlagen kann. Man läßt die rothen Vorhänge herab und ſchreitet zu den letzten geheimniß⸗ vollen Vorbereitungen für die Nacht. Endlich verkündet man, daß Alles fertig ſei. Die ganze weibliche Geſellſchaft kehrt eilig in das Gemach zu⸗ rück, und findet die Wände mit einer Reihe kleiner Bretter geſchmückt, deren jedes ungefähr einen Fuß breit und mit einer Matratze und einer Decke verſehen iſt. Ein ſehr dünner Strick verbindet dieſe Bretter mit der Decke, damit ſie nicht in Unruhe verſetzt werden können. Tief und ſchmerzlich ſind die Betrachtungen der unerfahrnen Reiſenden, vorzüglich der jüngern Perſonen.
— Wie, ſo hoch ſoll ich hinaufklettern? Ich kann auf einem ſolchen Brette nicht liegen. Nein, wahrhaftig nicht! die Schnuren könnten reißen!
Nun tritt die dienende Magd in die Scene. Sie verſichert feierlichſt, daß an einen ſolchen Zufall nicht zu denken ſei, daß ein Wunder geſchehen müſſe, wenn die Stricke reißen ſollten, und beruft ſich dabei auf die Er⸗ fahrung. Man glaubt der Magd, die nicht erſt ſeit geſtern auf dem Boote dient; ſie iſt ruhig, geſetzt, und ſpricht im ernſten Tone der völligen Ueber⸗ zeugung. Da man einſieht, daß nicht dreißig Frauen zugleich auf der untern Bretterreihe ſchlafen können, ſo bemüht man ſich, dem Rathe der Magd zu folgen. Die Damen ſehen ſich ängſtlich und zitternd an; aber kaum it das erſte Beiſpiel gegeben, ſo wird es, wir muͤſſen es zur Ehre der ſchönen Reiſenden bekennen, allgemein nachgeahmt. Die eingetretene Ruhe wird von einer kleinen Scene unterbrochen. Die dicke Dame näm⸗ lich, die vorerwähnte Mutter jener drei dicken Töchter, verſucht es, ein Beit der obern Reihe zu erklimmen. Dagegen proteſtirt ſehr lebhaft die unter dem erkornen Bette ruhende Nachbarin. Die dicke Dame antwortet ſehr gutmüthig, daß ihr jeder Platz recht ſei. Der edle Wettſtreit endet damit, daß die corpulente Dame ſich unten zur Ruhe legt, und die magere das obere Bett beſteigt.
Die Reiſenden find nun für die Nacht untergebracht, aber ein letzter Kampf entſpinnt ſich noch. Hier will man einen Hut ablegen, dort ſucht man ein Umſchlagetuch, an jener Ecke einen Mantel, an dieſer einen Reiſeſack, hier dies, dort jenes— und das Alles geſchieht mit einem ſolchen Eifer, daß niemand zum Zwecke gelangt.
— Madame, Sie treten mich auf den Fuß! ruft eine Stimme.
— Madame, wollten Sie gefälligſt ein wenig bei Seite treten, ſagt eine Andere, indem ſie weit den Mund öffnet, um Athem zu ſchöpfen.
— Bei Seite treten? iſt die troſtlos fragende Antwort. Wie gern machte ich einen Schritt, wenn es nur möglich wäre.


