Die Königskrone. 321
Die Vorzimmer und Gemächer der Hofburg boten wenig königlichen Glanz, dafür deſto mehr lungernde Pfaffen und dürftig ausſehende Schranzen. Es ſah Alles ſo trübſelig, ſo ſchläfrig, ſo ſtaubig aus, wie im Märchen vom Dornröschen. Ein Kämmerer führte den augsburger Bürger in des Königs Cloſet. Wla⸗ dislav ſaß auf einem Polſterbette in einen großen Bä⸗ renpelz gehüllt, obgleich die junge Sommerſonne heiß an die Fenſter prallte; in das Zimmer war ihr der Zugang durch verſchoſſene ſeidene Vorhänge verſpertt. Die Luft im Gemach war dick und verdorben. Vor dem Bette ſaß ein feiſter Pfaffe im prächtigen vivletten Cardinalsgewande; es war der Biſchof von Gran und hinter ſeinem bequemen Stuhle ſtanden zwei jüngere geiſtliche Diakonen in einfacher Tracht. Die alten, ſchlaffen, erdfahlen Züge des Königs ſchienen bei Fug⸗ ger's Eintritt einen Anſatz zu machen, ſich beleben zu wollen; aber ſie ſanken augenblicklich wieder in ihre ausdrucksloſe Starrheit zurück. Die Augenlider, kaum emporgezogen, bedeckten wieder über die Hälfte das graue, geiſtloſe Auge. Die ganze Erſcheinung war ein Bild ſchlaffer Trägheit und Abſpannung, einer geiſtes⸗ armen, langſamen Lebensthätigkeit, die nur in Ruhe und Schlaf Befriedigung fand. Dieſer ſchläfrige König hatte das Anſehen eines dem Tode nahen achtzigjäh⸗ rigen Greiſes, obgleich er damals erſt zweiundfunfzig Jahre alt war, und erinnnerte an den verzauberten
Ein deutſcher Leinweber. UI. 21


