314 Die Koͤnigskrone.
und die Natur ihr gütig den ſüßen Nahrungsſtoff in Fülle verliehen hatte, ſo blieb Raimund an der Quelle liegen, die ſie ihm geöffnet, ſelbſt als ſeine Amme wieder geneſen war. Sie hatte ja den ſchönen Kna⸗ ben ſo liebgewonnen und theilte ihre Mutterliebe nun treu zwiſchen beiden Kindern. Nicht anders war es mit ihrem trefflichen Gatten; auch er liebte das fremde Kind ſo väterlich, als wenn es ſein eigenes wäre. Aber in der Liebe zum kleinen Raimund übertraf die beiden Eheleute noch gar ſehr Georgs Schweſter, die ſanfte ſchwarzäugige Katharina Turzvoin. Sie war des ſtattlichen Bübchens unermüdete Pflegerin, herzte und küßte es ab und war ſchier den ganzen Tag damit be⸗ ſchäftigt. Alle Andern lachten heimlich darüber und deuteten dieſe Liebe auf die rechte Weiſe. Man hatte ja mit Wohlgefallen bemerkt, wie ſehr ſich während des zweimonatlichen Aufenthaltes des jungen Augs⸗ burgers in Kremnitz Raimund Fugger's und Katharina's Herzen ſich einander genährt hatten. Auch jetzt ſaßen ſie heimlich flüſternd zuſammen und Katharina hatte rothgeweinte Augen, während Raimund ſchwermüthig zu Boden ſah.
Die junge, von ihrem Ohm angeredete Frau ver⸗ ſetzte:„Ich müßte nicht meinem Georg mit der herz⸗ innigſten Minne anhangen, wenn es mir gleichgültig ſein ſollte, daß er ſo weit und auf ſo lange Zeit von mir ziehen wird; aber ich bin auch eine Tochter des
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