Teil eines Werkes 
1. Abtheilung, Philipp von Oestrich : Roman in drei Theilen : Die Königskrone : 3. Theil (1846)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

10 Die Königskrone.

hatte ſich jetzt in eine ihn beſeligende Ueberzeugung umgewandelt. Wenn aber eine ſolche Ueberzeugung einen andern jungen Mann ſeines Standes ſtolz, zuverſicht⸗ lich, keck, übermüthig, ja wol gar frech gemacht haben würde, ſo hatte ſie dagegen ſeine Gefühle veredelt und zu einer ſchwärmeriſchen Verehrung, faſt Anbetung ge⸗ ſteigert. Margaretha hatte in ſeinen Augen Alles ab⸗ gelegt, was an die Schwäche des Weibes erinnern konnte; ſie war ihm gleichſam die heilige Muſe der Dichtkunſt ſelbſt geworden und er bebte vor Entzücken bei dem Gedanken, daß er ferner wieder in ihrer Nähe verweilen und ſein Auge mit begeiſterter Schwärmerei zu ihr erheben dürfe. So ſehr ihn ihr Schmerz über den Tod des Gatten ergriff, ſo pries er ihn doch im Stillen als ein ihm günſtiges Geſchick.

Der Page verneigte ſich tief vor der hohen Her⸗ rin und haſchte nach dem Saume ihres leichten Trauer⸗ mantels, um einen ehrfurchtsvollen Kuß darauf zu drücken; aber ſie reichte ihm wohlwollend und mit der ihr natürlichen Anmuth die Hand zum Kuſſe, während ſie ihr Auge, nicht ohne eine gewiſſe geiſtige Befrie⸗ digung, über ſeine ſchöne und blühende Geſtalt hin⸗ gleiten ließ. Vielleicht ruhten ſeine Lippen einen Au⸗ genblick länger, als die ſtrenge Sitte erlaubte, auf der ſchönen, vollen Hand; aber die gütige Fürſtin zürnte ihm deshalb nicht, vielmehr entglomm ein mil⸗ der Strahl in ihrem reinen, keuſchen Auge.

9 5