Teil eines Werkes 
2. Theil (1828)
Entstehung
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Voriges Jahr kehrte ein Bekannter von mir in Wien gegen Morgen erſt aus einem muntern Jugend⸗ gelage nach Hauſe zuruͤck. In einer etwas abgelege⸗ nen Straße kroch eine von den ſchmutzigen Prieſterin⸗ nen der Venus auf dem Pflaſter. Sie hatte die Nacht da zugebracht. Er ſchauderte, und doch regte ſich in ihm die Stimme der Menſchlichkeit. Sie bat nur um einige Kreuzer. Der anbrechende Tag ließ ihm Zuͤge erkennen, die nicht gemein waren. Indem er ihr ein Silberſtuͤck reichte, bemerkte er dies mit einigen Worten. Da erfuhr er von der Erſchoͤpften, daß ſie die Tochter eines der reichſten Lords ſei. Es war Fanny Wilmeſon. Mehr Intereſſe an ihr ge⸗ winnend, ließ er ſie in ein Gaſthaus bringen, und hoͤrte hier aus ihrem Munde das Geſtaͤndniß ihrer Sünden. Sie war von Stufe zu Stufe gefallen; zuletzt hatte man ſie aus einem Freudenhauſe ver⸗ wieſen. Doch ſie zeigte Reue und das bewog den edeln Menſchenfreund an ihre angeblichen Verwandte im Königreich Hannover zu ſchreiben. Da erhielt er eine bedeutende Summe zu ihrer unterſtutzung mit dem Verſprechen, noͤthigenfalls ſie ofter zu wie⸗ derholen. Er kaufte ihr eine kleine Beſitzung auf dem Lande, legte das uͤbrige Geld gerichtlich nieder, ſo daß Fanny von der Ortsobrigkeit monatlich eine beſtimmte Summe erhält. Sie hat einen ſiechen Koͤrper, einen abgeſtumpften Geiſt.

Einige Monate ſpaͤter fuͤhrte ſein Beruf ihren Retter in das noͤrdliche Teutſchland. Er machte ei⸗