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„Erkennt Ihr mich endlich an? Schönen Dank für die hohe Gnade. Aber ſterben müßt Ihr doch.— Das iſt kein Mord, das iſt Gerechtigkeit.“
„Ungeheuer!“ tobte der Lord auf, wieder ganz ſeines Verſtandes Herr, und widerſetzte ſich; und er würde ſicherlich Tim von der Höhe hinabgeſchleudert haben, aber in demſelben Augenblicke ſaß ihm die ſei⸗ dene Schlinge um den Hals und einen Augenblick ſpäter hing ſie ſchon an einem der Thürhaken; ein Fußtritt Tims ſtieß den verzweifelten Mann von dem Steine, auf dem er gefußt hatte, und in wilden Zuk⸗ kungen verkündeten ſich ſeine Todesqualen an dem ſtehen gebliebenen Pfeiler der gothiſchen Einfahrt. Tim ſah ihm mit eiſiger Kälte zu. Als der Lord geendet, zog der kleine, gräßliche Menſch ein Pakt Papiere aus dem Buſen und band es dem Todten um den Hals. Es waren die mit der franzöſiſchen Regierung abge⸗ ſchloſſenen Kontrakte des Lord Kildare, die Tim am Morgen des vorigen Tages beim Plündern des Schloſſes gefunden hatte.
Nachdem der Kleine dies ſchauerliche Werk voll⸗ bracht hatte, ſetzte er ſich einſam auf den dampfenden Steinhügel, ſtützte ſein bärtiges Haupt in die Hand und— weinte. Derſelbe Menſch, der einige Minuten früher mit der größten Kaltblütigkeit ſeinen Vater gehenkt hatte, zerfloß jetzt in Thränen über den Tod ſeiner Schweſter.„Schlaf' wohl, geliebte Sally, Süße, den ewigen Schlaf unter den Trümmern Deines ſtol⸗ zen Schloſſes! Ruhe ſanft, Tochter Irlands! Das Vaterland wird einſt trauernd zu Deinem Grabhügel wallen, den Dir Deiner würdig der tapfre Leßlie ge⸗ ſetzt. O wie liebte ich Dich, als ich noch nicht wußte, daß Du meine Schweſter warſt! Die Liebe zu Dir war das einzige Glück, das einzige Unglück meines


