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ſchwinden ſpurlos, wie all' die heutigen Opfer, und das kommende Geſchlecht wird ſich nicht um uns küm⸗ mern. Das iſt des Menſchen Loos. Aber gewiß tagt uns ein neuer Morgen, und das Jenſeits glüht von ſeinem Roth, die Sonne der Freiheit“—
Sally hatte ſelig lächelnd ſich weit über die Brü⸗ ſtung gebogen und blickte ſehnſüchtig in das Abend⸗ roth; bedeutungsvoll nickte ſie zu O'Donnels Wor⸗ ten, als wären ſie ihr recht aus der Seele geſprochen; Eliſabeth ſtand ſtill weinend hinter ihr und blickte über die Brüſtung in den Vorderpark hinab; dort hatte eine Geſtalt ihre Aufmerkſamkeit erregt, die ſich bald vor den Büſchen zeigte, bald in denſelben ver⸗ ſchwand. Jetzt rief ſie plötzlich mit allen Zeichen un⸗ geheuern Schreckens:„Zurück, Lewis! Es gilt Dein Leben! Kildare ſchießt nach Dir!“— Sie hatte jetzt ihren Pflegevater wirklich erkannt, der, ein trefflicher
Schütze, mit einem Feuergewehr herauf zielte. In
demſelben Augenblick fiel unten in den Gebüſchen ein Schuß und mit einem Wehlaut zuckte Sally zu⸗ ſammen.
„Was iſt's?“ ſchrie O'Donnel erſchrocken.
„Ich bin getroffen,“ verſetzte Sally, ſich entfär⸗ bend. Ein aus ihrer Bruſt dringender Blutſtrahl be⸗ ſtätigte ihre Worte. Lewis umſchlang ſie von der ei⸗ nen, Eliſabeth von der andern Seite, und führten ſie zu einer Bank; ihr Blick ruhte ſelig verklärt auf Beiden. Der Glanz des Abendrothes hatte ſich in ihre Züge eingewebt.„Meine ſüße Ahnung hat mich nicht betrogen! O willkommen, Tod, du erſehnter Freund! Meine Sendung iſt erfüllt, der Schutzgeiſt Euerer Liebe zu ſein. Das Leben rinnt dahin, und ſterbend kann ich das Geheimniß meiner Bruſt löſen: Lewis, ich habe Dich unausſprechlich geliebt! Aber es


