Teil eines Werkes 
1. Theil (1856)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

196

Der kann doch nicht mit mir in einem Zimmer woh⸗ nen, ſagte Friederike, auf Flaxmann deutend, der auf einer Bank jenem ihm wohlbekannten Spieler gegen⸗ über Platz genommen und mit demſelben eben eine Unterhaltung angeknüpft hatte.

Nun, gnädiges Fräulein, ſchmunzelte die Wir⸗ thin,es verſteht ſich von ſelbſt, daß Euer Diener nicht mit Euch in einem Zimmer wohne. Er erhält hier unten in der Hausflur unter der Treppe ein Käm⸗ merlein. Es iſt zwar neben der Küche und deshalb etwas räucherig, aber was können ſolche Leute mehr verlangen?

Jener Mann iſt nicht mein Diener, gute Frau, und muß ſo gut wie ich in einem Zimmer wohnen.

Nicht Euer Diener? rief Frau Ankarfield er⸗ ſtaunt.Er wird doch nicht gar nun, nun, vornehme Leute haben gar oft auch Appetit zu geringer Koſt und ſpeiſen zuweilen mit dem Bauer Sauerkraut und Schweinefleiſch. Ich verſtehe ſchon! Freilich in einem Zimmer könnt Ihr nicht mit dem Herrn woh⸗ nen. Das geht nicht an. Man muß ſich vor nichts in der Welt mehr hüten, als vor böſem Leumund. Da ſeid Ihr gerade wie ich, gnädiges Fräulein. In meinen jungen Jahren hielt ich ſo gut auf Ehre, wie in meinen alten. Nun ſo alt bin ich eben noch nicht, und mein Mann pflegte gar oft zu ſagen, er würde mich nie geheirathet haben, wenn ich nicht ſo viel Am⸗ bition gehabt hätte. Und ſo habe ich auch meine Kin⸗ der erzogen, die mir Gottlob alle wohl gerathen ſind. Der älteſte iſt ein Schneidermeiſter und nährt ſich des⸗ halb ſo gut, weil er ſeine ganz beſondere Schneiders⸗ ambition hat, und wollte Niemandem ſein Unglück ver⸗ ſagen, der ihm an ſothane Ambition zu rühren wagte; der zweite iſt Kammerdiener bei Seiner Gnaden, dem