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Weit über Wola hinaus erſtreckten ſich die Verſchan⸗ zungen und die Hauptſtadt ſchien von dieſer Seite her gegen einen Angriff vollkommen geſichert. Wie ein Ameiſenhaufen wühlten die zahlloſen Schanzarbeiter Meilen weit in den Erdboden; und es glich einem Wunder, wie man in ſo kurzer Zeit ſo ausgedehnte Werke habe zu Stande bringen können.
Guido, Graf von Hohenſtein, war mit unermüd⸗ lichem Fleiße an einer der äußerſten Verſchanzungen be⸗ ſchäftigt. Nur ſelten vergönnte er ſich einen Augenblick Ruhe, wo er dann ſein Auge freudetrunken über die Umgegend ſchweifen ließ.
„So iſt es endlich doch gelungen,“ ſprach er,„die in den Straßen von Paris und in den Gauen von Deutſchland niedergetretene Freiheit hat ſich an den Ufern der Weichſel wieder ſtolz und königlich erhoben; in freien Lüften flaggt das Pannier von Polens Un⸗ abhängigkeit und weit hin in die Wälder Litthauens und Volhyniens läuten die Glocken der Auferſtehung. Ein kurzer Kampf noch und das Morgenroth, welches über Warſchaus Zinnen aufleuchtete, kann nimmer wie⸗ der verlöſcht werden. Es iſt die Freiheitsſonne Euro⸗ pas, und Millionen Herzen athmen auf und ſchöpfen neue Hoffnung bei dem roſigen Lichte.“
„Die Wege der Vorſehung ſind wunderbar,“ fuhr er nach einer Pauſe ſinnend fort;„wie beklag' ich Euch, Ihr edeln Kampfesgefährten, die Ihr in Frank⸗ reich und Deutſchland an meiner Seite gefallen ſeid, Ihr habt dieſen ſchönen Morgen nicht erlebt. Nicht genug kann ich's dem edeln Ottokar Dank wiſſen, daß er mich mit eigner Lebensgefahr wunderbar gerettet hat von Kerker und Tod. Wo mag ſich der Theure jetzt befinden? Es iſt lange her, daß ich keine Nachricht von ihm erhalten habe.“


