v6. war an einem warmen Juninachmittage des Jahres 1830; das Gewitter hatte ſich über die Berge zurückgezogen; in weiter Ferne verrollte der Don⸗ ner; der blaue Himmel blickte überall ſiegend hervor und die vom Regen ergquickten Blumen und Ranken dufteten ſtärker: da trat aus dem von Jelängerjelieber umzogenen Pavillon des Schloßgartens zu Hohenſtein ein junger ſtattlicher Mann, in den ausgehenden zwan⸗ ziger Jahren.
Lange ruhte ſein ſprechendes Auge mit ſtillem Ent⸗ zücken auf der erfriſchten Schöpfung, und das ſchöne männliche Antlitz ſtrahlte von jener innern Zufrie⸗ denheit, wie ſie dem edlen Gemüthe eigen zu ſein pflegt. Indeß entging dem ſchärfer Beobachtenden ein ſchwer⸗ müthiger Zug nicht, der dem edlen Antlitze einen eigen⸗ thümlichen Reiz verlieh.
Der junge Mann wandelte eine geraume Zeit in ſtiller Betrachtung die blühenden Gänge auf und nie⸗ der, bog hier und da einen blühenden Roſenzweig zurück, den der Gewitterſturm von ſeinem Stäbchen geriſſen, klopfte die gefräßigen Käfer aus den Glocken der Lilien und erreichte endlich ſein Lieblingsplätzchen, auf einem Altan, von wo man weit das Thal und den Fluß hinab ſehen konnte.
Fruchtbar wogte da unten das Korn in weiten grünen Wellen und die Zweige der zahlreichen Kirſchbäume neigten ſich fruchtbelaſtet zur Erde. Muntere Knaben ließen wacker ihre Klappern erſchallen, um Spatze und Elſtern von den Bäumen fern zu halten; während andere Aecker von fleißigen Landleuten bereits von Neuem beſtellt wurden.
„Ein fruchtbares Jahr,“ ſprach Ottokar— dies war der Name des Jünglings—„Gott hat uns wieder reich beſchenkt! Ueberall, wohin ich blicke, welch'


