158
reich, wie unendlich reich bin ich, Dein Bild in mei⸗ ner Bruſt zu tragen und das ſelige Bewußtſein zu haben, vielleicht auch in Deinem Herzen zu wohnen. Nein, nein, ich kann nicht ganz unglücklich werden, ſo lange eine Erinnerung lebt.“
Er zog ein Medaillon hervor, das ſie ihm an je⸗ nem heiligen Abende beim letzten Lebewohl in die
Hand gedrückt und worin ſich eine Locke von ihrem
blonden ſeidenen Haare befand.
Lange ruhten ſeine Blicke auf dem theuern Ver⸗ mächtniß. Rings herrſchte tiefe Stille. Dort oben wölbte ſich der transatlantiſche Himmel in ſeiner rei⸗ zenden Bläue; zu ſeinen Füßen murmelten die Wo⸗ gen ihr ewiges Gemurmel; zur Rechten und Linken und über ihm quoll aus den Felſenriſſen die Vege⸗ tation der Tropenländer in ihrer vollen Pracht hervor. Grüne, breite Rieſenblätter ſtarrten wie Schwerter hervor und auf den hohen Stengeln glühten in ſtil⸗ ler Einſamkeit hochrothe Blüthenkolben, wildfremde Düfte entſendend.
Wie ein unermeßlicher Spiegel ruhte in ſeiner ſtillen Größe das Meer vor Armand; kein Lüft⸗ chen regte ſich, nirgend war ein Segel zu entdecken; nur ganz auf der Höhe kreuzte eine engliſche Fregatte, welche der engliſchen Wachtflotille angehörte, die den Hafen blokirte. Bereits neigte ſich die Sonne dem Horizonte zu; vom Hafen her tönte aus der Kapelle das ſonntägliche Abendgeläute. Bald verhallte auch dieſes und die frühere Stille trat wieder ein. Die Sonne ſank tiefer und vergoldete das Meer in ſtiller Pracht.
Armand ſaß noch eine geraume Zeit, in Anſchau⸗ ung des großen Abendbildes verſunken, als er bemerkte, wie von dem engliſchen Kreuzer ein kaum ſichtbares Wölkchen aufſtieg; nach einigen Secunden erfolgte ein


