44
er den Nachtwächter noch nie duten hören. Benedict hatte übrigens ſeinen guten Grund, als er unter den Fenſtern der Wittwe ſo beherzt in's Horn ſtieß. Die große Neuigkeit des Tages war auch ihm, dem treuen Wächter der Nacht, nicht unbekannt geblieben; er hoffte durch ein außerordentliches Blaſen ſich den rei⸗ chen Erben und den zugleich frommen und wohlthä⸗ tigen Menſchen bemerkbar zu machen und zu inſinui⸗ ren. Dieſe Abſicht unterlag keinem Zweifel, da Be⸗ nediet nach ſeinem erſchütternden Schlachtenruf unmit⸗ telbar laut und vernehmlich ein frommes Lied an⸗ ſtinmte, worin von Gottes wunderbaren Fügungen die Rede war, und daß man des Nothleidenden nicht vergeſſen ſolle, wenn uns der Himmel mit Segen überſchütte.
Felicitas, da ſie den Zweck des frommen Geſangs leicht errieth, ward eben deshalb weniger ergriffen davon, als es wohl außerdem der Fall geweſen ſein würde; aber Gamaliel fühlte ſich trotz dem, daß ihm der nächtliche Herold aus dem Garten bei Kabul nach Niederroßla geblaſen hatte, hoch erbaut durch das Lied. Bei ihm verfehlte die nachtwächterliche Politik ihre Abſicht keineswegs.
„Nächſt Henochen,“ ſprach er,„ſollten wir den Benediet billig bedenken. Er verdiente es noch mehr als der Gotteskaſtenvorſteher; denn erſtens iſt er arm, und zweitens Nachtwächter; ein Nachtwächter aber, der unähnlich den andern glücklichen Sterblichen auf des Lebens ſchönſte Hälften, auf den blauen lichten Tag, die goldne Sonne, das erquickende Grün der Erde verzichten muß, und in ewiger Nacht wandelt, in un⸗ unterbrochener Eintönigkeit die Straßen auf und ab trottirt, hat vor Allem Anſpruch auf unſre Milde. Er ſang nur ſchöne, erhebende Wahrheit, daß der


