Teil eines Werkes 
23. Band, Je länger je lieber : Phantasiestücke und Erzählungen : 2. Band (1855)
Entstehung
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nend widerhallte, um ſo lauter klang die Harfe. Ich hätte nie geglaubt, daß aus dieſem ſanften Inſtru⸗ mente ſolche Töne zu ſchlagen wären.

Aber der Sturm legte ſich, das Gewitter zog vorüber, nur noch aus der Ferne grollend und leuch⸗ tend, und leiſer klangen die Saiten. Da brach aus zerriſſenen Wolkendecken der Nachthimmel in ſeiner ſtillen Schöne, und nun perlten die Töne glaubens⸗ freudig und ſiegesſicher, und gingen über in den ewigen Choral des Lutherliedes:Eine feſte Burg iſt unſer Gott!

Erſchrocken ſprang bei dieſen Klängen das fromm⸗ beſorgte Mädchen auf den Vater zu, und ſuchte ihn mit gefalteten Händen zu beſchwören. Zugleich blickte ſie ſcheu nach mir, den Wirthsleuten und dem ſich zurückziehenden Gewitter, gleichſam als fürchte ſie, es werde zurückkehren ob dieſes ketzeriſchen Liedes.

Der Alte ließ ſich aber nicht ſtören und ſang laut und begeiſtert alle vier Verſe des großen Liedes. Es iſt kein Verräther unter uns, mein Kind, ſprach er, als er geendet,und würde es auch verrathen, ich kann mir nicht helfen; ſchau' ich Gottes Pracht und Herrlichkeit, da muß ich ſie ſingen, die alten herzerquickenden Lieder, und hätte ſie auch der fromme Pater Clemens noch ſo ſtreng verboten.

Das Mädchen ſchüttelte aber ungläubig und trau⸗ rig das Madonnengeſicht und küßte um ſo inniger das kleine Marienbild, das ſie in der Hand hielt. Sie wußte es ja wohl, die Himmelskönigin war es geweſen, die das Winterhäuschen vor dem Blitz ge⸗ ſchirmt und das Gewitter gnädig hatte vorübergehen laſſen. Der Wirth klappte ſorgfältig die alte Haus⸗ bibel zu, in welcher er ſich während des Unwetters Troſt erholt, und ſtellt ſie ehrfurchtsvoll an den ge⸗