Teil eines Werkes 
23. Band, Je länger je lieber : Phantasiestücke und Erzählungen : 2. Band (1855)
Entstehung
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es wohl allerlei deutſche Geſchichten giebt, aber keine deutſche Geſchichte. Nur zweimal findet eine Ausnahme ſtatt, in zwei ziemlich von einander liegenden Zeiträumen. Dieſe beiden Ausnahmen er⸗ eigneten ſich, als das deutſche Volk die Adler und Legionen der beiden Cäſaren Auguſtus und Napoleon theils erſchlugen, theils aus dem Lande jagten.

Dem Erſten dieſer deutſch⸗geſchichtlichen Mo⸗ mente, denn ſolche waren es, nur Zornausbrüche, ging ein ſeltſamer Akt zuvor, der für das ganze deutſche Volk bis auf den heutigen Tag von einer beklagenswerthen ſymboliſchen Vorbedeutung war. Die Römer nämlich, klaſſiſchen Andenkens, ſchnitten zwar den unterjochten Deutſchen alle ungehorſamen Köpfe ab; das hätte ſein mögen, wir wiſſen aus der Weltgeſchichte, daß aus bloßer Kopfabhackerei ſel⸗ ten Großes herauskommt, aber jene tvilettenkundigen Quiriten gingen ſpekulativer zu Werke, ſie bewirth⸗ ſchafteten die ſtehen gebliebenen Köpfe als Wollhänd⸗ ler, ſchnitten, ich weiß nicht, ob die Schur, wie heut⸗ zutage, auf einen beſondern Monat beſchränkt war, die goldgelben Flechten ab und ſchickten ſie kiſten⸗ weiſe als geſuchter Artikel an die römiſchen Friſeure. So wurden die Deutſchen gleich beim Beginn ihrer Geſchichte, im vollſten Sinne des Wortes, ge⸗ ſchoren.

Nun muß man zugeben, und alle deutſchen Ge⸗ ſchichten belegen es, daß der Deutſche einen Spaß verſteht, ſei er ſubtil oder grob, und nicht gleich wegen jeder Bagatelle zu den Waffen greift, aber dieſe ſymboliſche Entmannung durch die römiſche Scheere war ihm außer Spaß und ſtieg in die ge⸗ lüfteten Köpfe. Jeder, dem nur goidgelbes Haar auf dem Scheitel ſproßte, und das war bei jedem