Teil eines Werkes 
16. Band, Moosrosen : Novellen und Erzählungen : 2. Band (1854)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

8

nicht Poſttag geweſen, ſo würde ſich Johannes unbe⸗ ſtritten auf den Oberboden des Hauſes begeben ha⸗ ben, wo die Haſenfelle des Hutmachers hingen, und wo er wenigſtens ſo viel Himmel zu ſehen bekam, als er brauchte für ſeine Bruſt. Daran war heut nicht zu denken.

Für die Späherblicke des Studenten nach dem Briefträger konnte es aber diesmal nichts Aerger⸗ liches geben, als der Erker des Nachbarhauſes, der wie ein Glasſchrank weit in die Gaſſe hineingebaut war. Johannes konnte zwar hindurch ſehn, und that's auch, aber es half ihm Nichts, und daran war eine Gevatterſchaft ſchuld. Die Erkerfürſtin war Pathe und ließ ſich friſiren. Das geſammte dienende Pu⸗ blikum, den Friſeur an der Spitze, tanzte in geſchäf⸗ tiger Eile wie die Kinder Israel um das kerzengrad⸗ ſitzende Steinbild. Moſes konnte ſich vor zweitauſend Jahren über ſolche Heidengräuel nicht mehr ärgern als Johannes.

Indeß gelang ihm nach langen vergeblichen Ver⸗ ſuchen ein entſcheidender Blick zwiſchen dem Erkerpu⸗ blikum hindurch, und zwar mitten durch eine majeſtätiſche Haarpuffe, die ſo eben unter der Meiſterhand des Friſeurs emporgeſtiegen war.

Die Erkerfürſtin, die keine Ahnung hatte, daß die kühnen Windungen ihres Haupthaars dem Stu⸗ denten als Lorgnette dienten, nach dem Briefträger zu gucken, blieb ruhig ſitzen, und ſo ward dem Jo⸗ hannes endlich die Freude, am äußerſten Ende der Straße einen gelben Punkt zu entdecken, der aber ſogleich wieder unſichtbar wurde.

Wenn das nicht Flügel war, will ich nicht Jo⸗ hannes heißen, rief der Student und tanzte in der Stube herum; denn jetzt konnte er ſich ſchon einige