169
Todesmatt ſank der Knabe zu Boden. Die Gold⸗ ſtücke entrollten der erſtarrten Hand und ein unwider⸗ ſtehlicher Schlaf bemächtigte ſich des jungen Dulders.
Und draußen ſtieg die Kälte immer höher.
Als am andern Morgen der Wirth mit dem Ge⸗ richtsperſonale in das Gemach der Wittwe trat, um die den Miethzins ſchuldende Familie auf die Straße zu werfen, fand er vier Leichen. Der Vater im Him⸗ mel hatte ſich ſeiner von den Menſchen verlaſſenen Kinder erbarmt und ſie zu ſich genommen. Die fun⸗ kelnden Goldſtücke lagen zerſtreut am Boden.
„Das Bettelvolk iſt erfroren,“ ſprach gleichgiltig der Hausbeſitzer; aber das Gold erblickend rief er ver⸗ wundert:„Aber warum hat das dumme Volk nicht eingeheizt, es iſt nie reicher geweſen.“
Der Hartherzige, er hatte wahr geſprochen. Die Armen waren nie reicher geweſen als jetzt, wo ſie im Schooße ihres himmliſchen Vaters ruhten.
Als nach einigen Tagen Caroſſe an Caroſſe ſich drängte vor dem Palais des Grafen Stanislaus, wo⸗ ſelbſt die Ballgäſte die übliche Viſite abſtatteten, be⸗ gegnete den fluchenden Kutſchern ein einfacher mit einem groben ſchwarzen Tuche überhangener Leichen⸗ wagen, welcher die Särge der armen Familie nach der letzten Ruheſtätte brachte.—
DO Du Reicher, wenn die Armuth zu Dei⸗ nen Füßen weint, glaube nicht, Alles gethan zu haben, wenn Du, um loszukommen, leicht⸗ fertig eine Gabe hinwirfſt, ſondern blicke ihr mild in das thränenvolle Auge bevor es bricht, und lege theilnehmend Deine Hand an ihr krampfhaft klopfendes Herz— dann erſt wirſt Du ihr Engel ſein.
———


