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Die Unſterblichkeitsfrage war für Erasmus faſt zur fixen Idee geworden. Dieſer Mann gehörte zu jenem kaltblütigen Geſchlechte der Zahlenmenſchen, die, leidenſchaftlos, ihr Leben einem herz⸗ und phantaſie⸗ loſen Berufe gewidmet haben; nie von einem tiefen Schmerze verwundet, nie von einem Himmelsklange begrüßt worden ſind. Da Erasmus ſich nie in eine Speculation eingelaſſen hatte, von deren glücklichem Erfolg er nicht im voraus überzeugt geweſen wäre; da er ſtets ſicher ging und die Gewißheit vor Allem liebte, ſo gelang ihm auch faſt Alles, und er ward zum reichen Manne. Die Leute erzählten ihm viel von dem Segen des Himmels vor, der ſichtbar auf ſeiner Firma ruhe; der Banquier lächelte und glaubte, am beſten zu wiſſen, wem er dieſen Segen zu ver⸗ danken habe. Leiden und Thränen waren ihm un⸗ bekannte Größen; er hatte keine Idee von dem Zu⸗ ſtande,„wo die Noth beten lehrt.“ Die Folge war, daß er ſich bis zur Härte theilnahmlos gegen das Unglück zeigte, namentlich gegen das durch eigene Un⸗ vorſichtigkeit oder Leichtſinn verſchuldete.
Sein ganzes Leben war ein perpetuirliches Rechen⸗ exempel und ſeine Hauptaufgabe beſtand darin, aus bekannten Größen ſich der unbekannten zu vergewiſ⸗ ſern. Die Unſterblichkeitsfrage, nachdem er einmal darauf gekommen, nahm daher ſein ungetheiltes In⸗ tereſſe in Anſpruch; doch geſchahen ſeine Forſchungen weder aus religiöſem noch philoſophiſchem Intereſſe, ſie waren reine Speculation. Er wollte Gewißheit. Gab es keine Unſterblichkeit, ſo war ſein feſter Ent⸗ ſchluß, die ihm noch übrigen Lebensjahre ſo angenehm wie möglich zu verbringen; gab es eine Fortdauer, wollte er die geeigneten Maßregeln treffen, ſich in je⸗ nem Leben beſtmöglichſt zu placiren.


