Teil eines Werkes 
2. Band (1855)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

daß ich jeden Tag darin ſtudiren und dann des Abends davon erzählen werde, ſo lange ich noch zu Hauſe ſei. Man war damit zufrieden, und einmal durch alte Sachen angeregt, redete man noch vieles in längſt ver⸗ gangenen Geſchichten, und der Mutter kamen alle Erinnerungen bei, was wir in unſerer erſten Kindheit und Jugend gethan und geſagt, und was ſich Merkwürdiges zugetragen hatte, als ſie mit dem Einen oder dem Andern geſegnet gegangen war.

Sehr ſpät gingen wir in jener Nacht ſchlafen, Jedes ſeine Kammer ſuchend, und ich die ſchweren Pergamentbücher des Doctors im Arme tragend.

Des andern und die folgenden Morgen ſaß ich nun manche Stunde in der braunen Stube, und las und grübelte in dem alten Buche, wie einſt der Vater. Was ich da geleſen hatte und zuſammenſtellen konnte, erzählte ich gerne Abends im Kreiſe unſerer Angehörigen, und ſie wun⸗ derten ſich, daß bisher alles ſo gewöhnlich ſei, wie in dem andern Leben der Menſchen. Wir dachten uns hinein, ſo daß wir ſchon immer auf den nächſten Abend neugierig waren, was da wieder geſchehen ſein werde.

Aber wie alles im menſchlichen Daſein vergeht, und dieſes ſelber dahinflieht, ohne daß wir es ahnen, ſo vergingen auch allmählig die Tage, die uns in meiner Heimath gegönnt geweſen waren, und wie nach und nach der letzte heranrückte, wurden wir allgemach alle ſtiller und trauriger. Schon mehrere Tage vorher war das Schreibgerüſte verpackt und fortgeſendet worden; es waren Kiſten und Kaſten unſers Weges vor⸗ ausgegangen, weil uns die Mutter Geſchenke und Ausſteuer gegeben hatte, die ſorgſältig verwahrt werden mußten und endlich ſchlug auch die Stunde des Abſchiedes: es war das erſte Morgengrauen, weil wir einen weiten Weg bis zum erſten Rachtlager zu machen hatten; ich hob die ſchluchzende Gattin in den Wagen und ſtieg nach, mich äußerlich be⸗ zwingend, aber im Innern ſo bitterlich weinend, wie einſt, da ich zuerſt von der Mutter in die Fremde gemußt. Dieſe ſtand ſchmerzenvoll, wie dazumal da, nur daß ſie jetzt auch vom Alter eingebückt war ſie rang nach chriſtlicher Faſſung und zeichnete den Segen des heiligen Kreuzes auf uns hinein. Es war noch ein Augenblick die Pferde zogen an, das durch ſo viele Wochen geſehene Antlit ſchwand an dem Wagenfenſter