moraliſchen und ſogar zufälligen Erſcheinungen gehen manchmal ihre Morgenröthen vorher. Schon ſeit vielen Wochen iſt mir die Bekannt⸗ ſchaft eines jungen Künſtlers verſprochen worden. Heute wurde er als Krankenbeſuch von zwei Freunden gebracht, und ſiehe da! es war der⸗ ſelbe junge, ſchöne Mann, den ich vor zwei Tagen auf dem Spaziergange, der mir mein jetziges Halsweh zuzog, gefunden hatte. Ich erkannte ihn augenblicklich und war faſt verlegen; er gab kein Zeichen, daß er auf den Spaziergänger geachtet habe, der ſo dreiſt in ſein Geſicht und Stu⸗ dienbuch geſchaut hat. Der Beſuch war ein ſehr angenehmer und die Bitte um Wiederholung wurde zugeſagt. Sein Name iſt Lothar Diſſon und ſein vorzugsweiſes Fach die Landſchaft; doch ſoll er auch ſehr glück⸗ lich portraitiren.
Rleinwinziger Zentunſel. 29. April 1834.
Ein Tagebuch iſt eigentlich nur für den Führer desſelben anſpre⸗ chend, und ich müßte Dich ſchlecht lieben, mein Titus, wenn ich Dich erbarmungslos durch alle Tage meines Kalenders ſchleppte. Als wir an jenem Abende auf dem Rigi, mitten unter kalten Reiſebeiſpielen von Engländern, beide zwar ſo arm wie Kirchenmäuſe, aber toll und luſtig genug, Abſchiedsfeſte feierten, und in unſter Lyrik erſt unſte Namen tauſchen wollten, dann aber dieſes ſogar zu dürftig fanden, ſondern ver⸗ ſprachen unſer ganzes künftiges Leben auszuwechſeln, d. h. uns gegen⸗ ſeitige gewiſſenhaſte Tagebücher zu ſenden— als alles dieß vorfiel, konnte es doch unmöglich ſo gemeint ſein, daß ich Dir jeden kahlen Tag übermache, der mich in dieſer Hauptſtadt überfällt, welche Hauptſtadt mir oft kleinſtädtiſch genug und abgeſchabt vorkommt gegen die freie, gewaltige Reſidenzſtadt der Natur, inſonderheit, da mir Deine Pyre⸗ näenreiſe ganze Prachteindrücke überſendet. Du biſt wohl noch der alte Narr, und ein hieſiger Freund oder, beſſer geſagt, nur ein Bekannter,


