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Novellen und Schilderungen / von Ludwig Steub
Entstehung
[Giessen] [2026]
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leichter worden und hab bald gemeint, jetzt weiß ich's gewiß. Und nachher habe ich mich mit Fleiß beſſer an die Kanzel hin⸗ geſetzt und hab gedacht, heut iſt Jubiläumsablaß, da hat er gewiß recht fromme Gedanken, und wenn er mich ſieht, möcht ihm vielleicht einfallen, daß Du nicht allein in die Schande kommſt, ſondern ich mit und wenn's Dir vielleicht in der Stadt doch nicht geräth, ſo könnt' er ſelber noch nachhelfen. Und ſo fangt denn die Predigt an und der Vikari liest das Evan⸗ gelium: Mir iſt alle Gewalt gegeben und ſagt, das muß auch wieder werden, daß der Prieſterſtand alle Gewalt habe auf Erden, weil er die Schlüſſel hat zur Hölle und zum Himmelreich. Und dabei iſt er geblieben und hat noch aller⸗ hand geſagt von derſelben Gattung und auf einmal ſchaut er auf mich herunter und fangt an: Und ſogar die weltliche Obrigkeit, die ſo lange verblendet war, der hat jetzt der liebe Gott in ſeiner Barmherzigkeit die Augen aufgethan und ſie iſt jetzt zur Erkenntniß gekommen, daß Ehrfurcht vor dem Prieſterſtand und Gehorſam der Welt allein vor den ſchreck⸗ lichſten Laſtern und vor ewiger Verdammniß helfen können⸗ Deßwegen, ſagt er, wird auch mit nächſte ein Frevler, leider, leider aus unſerer Gemeinde, der ſich an dem geweihten Diener des Herrn vergangen hat, der Strafe anheimfallen, der ge⸗ rechten aber ſchimpflichen Strafe, ſo daß die Schande nicht allein an ihm ausgeht, ſondern auch an ſeinem jungen und tugendhaften Weib! Und wie nun der Vikari dies ſagt und mit dem Zeigefinger herunterdeutet, ſo ſchauen Alle guf mich die Mehreren, ich darf's wohl ſagen, recht mitleidig, die

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