Teil eines Werkes 
1. und 2. Lieferung (1819)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

101

donna iſt nur ſehr unkergeordnet dem Chriſtus bilde, und wer ihr Bild uͤber das Chriſtusbild ſtellt, und ſie als Mutter Gottes noch hoher ehrt, als den von ihr Gebohrnen, wie die Katholiken thun, der begeht Abgöotterei.

Aber auf der andern Seite mußte auch noth⸗ wendig JEſus der groͤßte Physiognom ſein d. h. weil in ihm Göͤttliches und Menſchliches völlig Eins war, war ihm die Physiognomik nicht mehr Ahnung und Vermuthung, wie ſie es ſtets nur den beſchraͤnkten Menſchen ſein kann, ſondern Gewißheit. Der beſte Chriſt wird ſich dieſer Gewißheit am Meiſten naͤhern, und darum war der Mann, der den Chriſt am innig⸗ ſten erkannt hatte, zugleich der groͤßte Physio- gnom, Lavater. Der Gottmenſch ſchaute uͤber⸗ all im Körper unmittelbar die Seele, und des⸗ halb mußte er nothwendig wiſſen, was ſeine Juͤn⸗ ger dachten, meinten, fuͤhlten, oder was die Pha⸗ riſuͤer im Sinn hatten, ſobald er ſie nur anſah. Er ſchaute Gott uberall in der Welt, und nicht blos ſein Bild; drum war er auch in ſeiner Men⸗ ſchengeſtalt der Herzenskündiger, und ſchaute Al⸗ len durch den Koͤrper klar in die Seele hinein, wie durch Glas, ſeinen Augen waren die Körper ſchon verklärt und verglaſet. Eine, freilich nur geringe Annaͤherung an dies göttliche Urbild, und ein Fortſchritt des menſchlichen Vermögens hie⸗ rin um eine kleine Staffel iſt uns neuerlich er⸗ oͤfnet im thieriſchen Magnetismus und in den Offenbarungen der Schlafwachenden.