Erſtes Kapitel.
Anna Liewe hatte nicht der Liebe in ihrem Herzen Raum gegeben, weil ihr Anbeter den höchſten Ständen angehörte und von Glanz und Lurus umgeben war; ſie kannte weder Stolz und Ehrgeiz, noch hing ſie an irdiſchen Gütern; ein ſtilles, friedliches Glück, das war es, was ſie für ſich erſehnte. Ohne daß ſie wußte, wie es geſchehen, hatte die Liebe mit ihrer Allgewalt ſie ergriffen; das edle männliche Weſen des Grafen, ſeine Liebenswürdigkeit und die Verzweiflung über ihre anſcheinende Kälte hatten jedes Bedenken bei ihr be⸗ ſiegt und ſie ihm ganz zu eigen gegeben. Was ſie nie gewagt, vor der Mutter ein Geheimniß zu bewahren, ihm zu Liebe konnte ſie es; ja ſelbſt, als ſie mit
ihrem zarten Gewiſſen in Kampf gerieth wegen der Steffens, Standesvorurtheile. III. 1


