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ſtolzen Giſela freudenloſe Jugend, und ſie pflegte ſtille ihren Gram, verſchloß emſig ihre Liebe, und ahnte in frommer Begeiſterung, daß ihr jenſeits die Palme werden würde, ſo wie der arme Poppele, nach der Prophezeiung die Krone errungen: eine von Dornen im Leben, die eines Märtyrers im Tode. Der Unglückliche mußte wohl ein Sohn des himmliſchen Vaters werden, da er den Vater auf Erden nicht kannte, dieſer nie von ihm erfuhr.
Manche Jahre waren hingeſchwunden, und in dem Nonnenhauſe zu Oſfenhauſen endlich Zucht und Ordnung eingekehrt, obgleich die geiſtliche Gemeinde ſichtlich dem Untergang ſich näherte. Aber Hailwig ſtarb zuvor, und auch der edle Graf von Würtemberg verſammelte ſich zu ſeinen Vätern. Da zog Giſela noch einmal aus der Reichs⸗ ſtadt Hall, eine verwaiste Tochter, eine kinderloſe Mutter, denn ihr Pflegeſohn war ſchon in die Welt gegangen.— Giſela's Pilgerfahrt galt dem Grabe Eberhards. An der Gruft dieſes Fürſten kniete ſie, und ſagte dem kalten Steine das Bekenntniß ihrer heißen unendlichen Liebe, und voll bitterer Wonne betete ſie:„Zürne nicht, Du Theurer, Einziger, daß ich jetz Dir geſtehe, was ich mein Leben lang in meiner Bruſt verſchloß. Ich mußt' es; thun, ehe ich im Hauſe der Seelſchweſtern meine Tage völlig be⸗ grabe. Zürne mir nicht um meiner Niedrigkeit und Ar⸗ muth willen, denn für mich ſchläft aller Reichthum dieſer Erde unter Deinem Marmor, Du edler, Du mannlicher Fürſt!“


