Sechstes Buch.
1535.
Zwanzigſtes Kapitel. Die weſtphaͤliſche Judith.
Je ſpärlicher und ungewiſſer noch zur Zeit der Refor⸗ mation die Verbindungen zwiſchen den verſchiedenen deut⸗ ſchen Ländern waren, um ſo abenteuerlicher und anregender mußten die Gerüchte und Sagen ſeyn, die ſich verbreiteten, die ſich ſo zu ſagen unter der Hand fortſtahlen, ſobald ſich auf irgend einem Punkte des gemeinſamen Vaterlandes etwas nicht Alltägliches begeben hatte.
Die Eilboten der großen Herren mochten ihre Auf⸗ träge noch ſo geheim halten, ihre Briefe mochten noch ſo feſt verſiegelt ſeyn,— es war, als ob die Luft oder ein leiſe durch die Welt ziehender Geiſt dieſe Geheimniſſe ausgeplaudert hätte. Plötzlich wußten unzählige Zungen davon zu ſchwatzen, und eine jede erzählte auf ihre eigene Weiſe das Geſchehene weiter. Die Einbildungskraft des Volks hatte nicht Frende an der trockenen Wahrheit; ſie verlangte, ſich an Wundern und Schreckniſſen zu laben.


