Teil eines Werkes 
4. Band, Der Invalide : historische romantische Bilder unserer Zeit : 2. Theil (1838)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

empor ſtarrte. Er hatte, während er über den Hof ging, bemerkt, daß der Thurm mit dem Schloßgebäude vermittelſt eines Brückenbogens zuſammenhing, auf deſſen Geländern Blumentöpfe ſymmetriſch gereiht ſtanden. Seine Phantaſie war durch ſeine Umgebungen angeregt. Er erinnerte ſich ſeiner Jugendjahre, die er zum Theile in alterthümlichen Schlöſſern verlebt, und der ſchönen Tage, die er darinnen an der Seite des jungen Herzogs von Enghien genoſſen. Solche Thürme waren öfters der Schauplatz ihrer Spiele geweſen; die kühnen Knaben hatten ſich oft von hohen Gal⸗ lerien durch runde Fenſteröffnungen in die Verließe herunter gelaſſen, und manchesmal hatte die ſchöne Gouvernante des Hauſes mit ängſtlichem Blicke und zarten Vorwürfen den Kletternden in die düſtere Thurmesgruft nachgeſehen. Die lange Reihe von Jahren, die ſeit jenen Spielen verfloſſen, malte das Bild des guten Fräuleins Leonor mit den präch⸗ tigſten Farben der Einbildungskraft aus, und Victor em⸗ pfand plötzlich den Wunſch, die Holde möchte nun auch her⸗ unterſchauen in ſeinen Kerker, um ihn zu tröſten mit einem Blicke der Theilnahme, und zu erheben durch ein ſanftes mütterliches Wort. Er hatte kaum dieſe Idee ausgebildet, als ſich ſchon der Traum zu verwirklichen ſchien. Die Ge⸗ ſtalt eines Frauenzimmers ließ ſich an dem runden Fenſter ſehen. Sie bückte ſich hernieder, und ſpähte forſchenden Auges in die Dämmerung des Thurmes. Der aufmerkſame Victor verfolgte jede ihrer Bewegungen, und ſein Herz ſchlug vor Entzücken, als er nach und nach die Farbe ihres Kleides, ihr zierliches Halstuch, die niedliche Florhaube und darunter ein Geſicht unterſchied, das ihn noch mehr anſprach, als das Geſicht der guten Leonor. Er hatte zu Verſailles