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„Oft trügt der Schein?“ verſetzte Marie.„Die Mark⸗ gräfin verletzt den Anſtand, die Sitte; jedoch iſt es noch weit von da bis zur Verletzung ehelicher Pflicht.“
„Weit?“ fragte der Hauptmann, ungläubig lächelnd. „Ich denke: nicht weiter als vom A zum B, von Eins zu Zwei. Eine Frau von ſolchem Stande, die Brauch und Herkommen nicht achtet, iſt dem Fall näher, als ſie denkt, und hat ihn gemeiniglich ſchon lange gethan, ehe das Volk darauf aufmerkſam wird.“
„Schweige, Liebloſer!“ ſchalt die Erglühende. Herben⸗ ſtein fuhr aber fort:„Das Volk iſt ein ſchwaches Kind. Gleich einem ſolchen würde es den Sonnenaufgang nicht wahrnehmen, erfolgte dieſer nicht alle 24 Stunden einmal. Je älter indeſſen das Kind wird und je öfter er das Ta⸗ gesgeſtirn aufſteigen ſah, je weniger fällt ihm abermals die zur Genüge geſehene Erſcheinung auf. Du ſtaunſt mich lächelnd an? Die Menge iſt das Kind, und die Sünden der Gebieterin ſind zwar mit der Sonne nicht zu vergleichen, ſie erneuern ſich aber immer mit ihr, und bald wird das Volk, ihrer ſattſam gewöhnt, kein Wort mehr darüber ver⸗ lieren. Dir ſteht es aber wohl an, die Fürſtin zu verthei⸗ digen, und nur einer fleckenloſen Sanftmuth, wie der Dei⸗ nigen, iſt's gegeben, für die ſtolze Frau das Wort zu führen, die es hochmüthig verweigert hat, Dir den Zutritt zu ihr zu geſtatten, weil ich keinen Stammbaum Deiner Ahnen vorzuweiſen hatte.“
„Menſchliche Schwachheit!“ ſprach Marie entſchuldigend. „Eitelkeit unſers Geſchlechts. Zwar,...“ fügte ſie lächelnd binzu,„wer weiß, ob ich auch in der That von ſo geringer Herkunft bin, als man wohl zu glauben verſucht iſt. Die


