204 36 Dem Denker und Beobachter muß uͤbrigens
pieſe kleine Geſchichte aͤuſſerſt merkwuͤrdig bleiben.
Der unglukliche?— arbeitete anfangs raſtlos, aber auch aͤuſſerſt gluklich, eine kleine, unbedeu⸗ tende, vom Stolze erzeugte Luͤge ward Urſache und urheberinn ſeines Ungluͤks, und fuͤhrte ihn end⸗ lich zum unſchuldigen, aber auch ſchmaͤhlichen Tode. Wenn ſolche Fleinigkeiten das feſte Gluͤk eines Mannes zu zertruͤmmern vermoͤgen—— wer kann dann noch behaupten, daß er ſicher ſtehe und nie fallen werde? Wer kann dann noch fuͤhllos und ohne Mitleid den Ungluͤklichen betrachten, und dabei feſt verſichern, daß er nicht gleich dieſem
elend und verachtet unter den Gluͤklichen umher
ſchleichen werde? Mitleid und Duldung heiſcht man ſo gerne, wenn man ungluklich iſt, Mitleid und Duldung weigert man ſo willig, wenn man ſich glaͤklich fuͤhlt. Wirſt du beides auch ferner weigern, wenn ich fortfahre, dich zu uͤberzengen, daß auch dir einſt mangeln koͤnne, was du ſo hart⸗ naͤkkig demFlehenden verſagt haſt? Memento mori!
pieſen wichtigen Denkſpruch hoͤrte ich ſchon oft,
las ihn noch ofterer in den Buͤchern der Religion, ſelbſt an öffentlichen Gebaͤuden, und in den Ge⸗ maͤchern der Lebenden, aber einen eben ſo, viel⸗ leicht noch wichtigern hoͤrte und las ich nur ſelten. Er heißt: Ante Mortem nemo beatus!
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