Dritter Band. 177 wo vorgeſtern Nacht die Barricade ragte, an der mit ſolcher Erbitte⸗ rung und Hartnäckigkeit gekämpft wurde, und deren heldenmüthige Vertheidigung ſo viele Opfer gefordert hatte.
Das Hötel beherbergte zwei dieſer Opfer.
Unten, ein paar Fuß von der Straße, auf welcher die fröhlichen Menſchen vorüber wimmelten, lag in einem Sarge ein bleicher Mann, von deſſen Wangen ein grauer Bart weit auf die breite Bruſt heräb⸗ floß über eine tiefe Wunde, der vorgeſtern Nacht das Blut des edel⸗ ſten Herzens entſtrömt war.
Und hier in dieſem ſelben Zimmer lag auf ſeinem Leidenslager hingeſtreckt ein junger Mann, der an der Seite des grauen Schwär⸗ mers tödtlich verwundet wurde, und deſſen üppige Jugendkraft bis zu dieſer Stunde unter unſäglichen Qualen mit dem unbarmherzigen Tode gekämpft hatte.
Nach dem Sturm, bei welchem Berger fiel und Oswald die Todeswunde empfing, hatte das Militair keinen neuen Angriff ge⸗ macht; ſei es, daß man die Poſition wirklich für uneinnehmbar hielt, ſei es, daß die ſchwankenden Gemüther, bei denen die Entſcheidung war, hemmend in die Operationen eingriffen, ſei es, daß der Tod des Fürſten Waldernberg, der mit einer an Raſerei grenzenden Kühnheit den letzten Angriff geleitet hatte und bei dem Sturm gefallen war, eine Beſtürzung in den Reihen der Soldaten verbreitete, die ihre Führer die Erfolgloſigkeit eines abermaligen Verſuchs vorausſehen ließ. Man hatte ſich begnügt, von Zeit zu Zeit durch eine Kartät⸗ ſchenladung die Barricadenmänner aufzuſchrecken; endlich war gegen fünf Uhr Morgens der letzte Schuß gefallen.
Oldenburg hatte auf ſeinem Poſten ausgehalten, bis er ſich über⸗ zeugte, daß in der That kein abermaliger Angriff zu befürchten ſtehe und das Militair Befehl zum Rückzug erhalten habe. Dann erſt hatte er Schmenckel, der als ſein treuer Knappe kaum von ſeiner Seite gewichen war, zu ſich gerufen und ſie hatten zuſammen die ſchon halb abgeräumte Barricade, als die letzten Aller, verlaſſen.
Schmenckel hatte noch in der Nacht Oldenburg mit Thränen in den Wimpern erzählt, daß der Officier, der vor ihren Augen gefallen,
Fr. Spielhagen's Werke. XII. 12


