176 Durch Nacht zum Licht.
Ueurzehntes Capitel.
Seit der Nacht der Barricaden iſt die Sonne zweimal aufge⸗ gangen. Ein wunderlieblicher Frühlingstag blaut über der ungeheuren Stadt. Von dem lichten Himmel heben ſich ſcharf die prächtigen Paläſte ab, deren gewaltige Säulen und reichgeſchmückte Frieſe in der goldenen Morgenſonne gebadet ſind. Und in der goldenen Morgen⸗ ſonne baden ſich auch Tauſende und aber Tauſende glücklicher Men⸗ ſchen, die in unabſehbaren feſtlichen Schaaren die Stadt durchwallen. All den Wallern iſt zu Sinn, wie frommen Pilgern, die lange, lange Zeit durch öde Wüſten, über rauhe Gebirge nach dem heiligen Bilde einer Madonna zogen, und jetzt haben ſie die Heilige erſchaut und ſie hat ihnen Vergebung der Sünden und Frieden, Freude und muthiges Vertrauen in's Herz zurückgelächelt. Jetzt ziehen ſie wieder zur Hei⸗ math, ſtill und bewegt, oder laut in frommen Liedern die Heilige preiſend, die ſo große Wunder an ihnen gethan...
„Armes, wunderſüchtiges Volk! Als ob alle Heiligen des Kalen⸗
ders dir helfen könnten, wenn du dir ſelbſt nicht hilfſt! Als ob die Sünden eines Menſchenalters in einer Nacht geſühnt, als ob ein todt⸗ kranker Staat in einem Tage geſunden könnte! Du willſt ſchon ver⸗ geben und vergeſſen, Denen, die dir noch nie, nie etwas vergeben, und was du, nach ihrem Sinn, an ihnen geſündigt, niemals vergeſſen haben; noch tragen deine Häuſer die Spuren des brudermörderiſchen Kampfes, noch ſind die Dächer, deren Steine du in deiner Verzweif⸗ lung auf die Köpfe deiner Feinde hinabſchleuderteſt, abgedeckt; noch iſt das Pflaſter nicht wieder eingefügt, das du aufriſſeſt, dir einen Wall zu ſchaffen gegen frechen Uebermuth; noch find die Todten nicht begraben, die ihr Blut für dich vergoſſen,— noch harren auf ihrem Schmerzenslager zum Tode Verwundete der Stunde der Erlöſung—“
Es war Oldenburg, der zu ſich ſelbſt die Worte ſprach, während er an dem Fenſter eines Zimmers in dem Hötel garni ſtehend, hinab⸗
ſchaute auf die Menſchen, die jetzt über dieſelbe Stätte fröhlich zogen,


