34 Durch Nacht zum Licht.
ſich in die Arme geſunken. Froh der entronnenen Gefahr, in der Seligkeit einer Liebe, deren holde Blumen ſie am Rande des Ab⸗ grundes pflückten, vergaßen ſie gern auf Augenblicke, wie tief und voll Schrecken dieſer Abgrund war.
Fünftes Capitel.
Es war im März. In Frankreich war am vierundzwanzigſten Februar die Republik proclamirt worden. Das ungeheure Ereigniß verbreitete in concentriſchen Kreiſen ſeine Wirkung über die ganze civiliſirte Erde. Auch die Reſidenz war ſeit einigen Tagen davon erfaßt und eine fieberhafte Aufregung hatte ſich der Geiſter bemäch⸗ tigt— eine Verwirrung, ein nervöſes Zittern, wie ſie den Menſchen ergreifen, der aus tiefem Schlaf urplötzlich zum hellen Licht des Tages aufgeſchreckt iſt und noch nicht recht weiß, wo ihm der Kopf ſteht. Und dabei ein heimliches Grauen vor dem Dunkel der Nacht, in welcher man ſo lange in den dumpfen Banden eines unnatürlich tiefen Schlafes zugebracht, ein verworrenes Gefühl, daß es doch etwas ſehr Herrliches um das goldne Taglicht ſei; ein hoffnungs⸗ friſches Recken, ein thatendurſtiges Dehnen in allen Gliedern, ſo daß den Wächtern, die den rieſengewaltigen Schläfer im Schlaf be⸗ obachtet und bewacht hatten, ſchier unheimlich wurde und ſie unter einander ſprachen; wir werden ihn in eiſerne Banden ſchnüren müſ⸗ ſen, ſonſt ſteht er am Ende noch gar auf und dann wäre es um uns
An einem ſchönen hellen Abend ging es„Unter den Buden,“ dem Hauptvergnügungsorte des ſoliden Bürgers, der ſich hier mit Frau und Kind des Sonntags Nachmittags an Weißbier, Muſik und Bratwürſten zu ergötzen pflegt, ſehr lebhaft zu. Wer indeſſen dem Treiben der letzten Tage in der großen Stadt fremd geblieben war, hätte für den erſten Augenblick zweifeln können, ob dies eine poli⸗ tiſche Verſammlung oder ein Volksfeſt ſei. Vielleicht war es Beides.
—
————————


