22 Durch Nacht zum Licht.
Welt zwiſchen uns. Werde ich Sie noch einmal umarmen? Ich bin bis drei Uhr zu Haus. Gern, ſehr gern ſähe ich Sie— aber dürfen Sie es wagen; ohne Verdacht auf ſich zu lenken? Ich überlaſſe es Ihnen. Adieu, adieu, Theuerſte! Noch heute frei! O, ich kann den Gedanken nicht faſſen. Adieu! tauſendmal adieu!“— Himmelhöllen⸗ element!“ rief der glückliche Gatte, das Papier in der Hand zerknitternd und in die Taſche ſteckend.„Jetzt wird mir Alles klar! wußte ich doch gar nicht, was dies ewige Beſuchen der alten Perſon in Fährdorf zu bedeuten hatte! Aber ich will ihnen das Spiel verderben; ich will—“
Da Herr von Cloten in dieſem Augenblick ſo recht eigentlich noch nicht wußte, was er wollte, ſo ſchwieg er und lief wie ein von heftigen Zahnſchmerzen Geplagter im Zimmer auf und ab.
Profeſſor Jäger betrachtete ihn, den Kopf auf die rechte Schulter geneigt und die Hände mit ſympathetiſcher Rührung ineinanderlegend, durch ſeine runden Brillengläſer, wie eine Ohreule das Flattern eines Gimpels, der ſich auf eine Leimruthe gefangen hat.
„Sie können nicht glauben, theuerſter Herr von Cloten,“ ſagte er, „wie tief meine Seele über dies Alles betrübt iſt, und glauben Sie, ich hätte gewiß geſchwiegen, wenn es nicht eines guten Schäfers Pflicht wäre, das Lamm aus dem Rachen des Wolfes zu reißen. Denn ein Wolf iſt dieſer Menſch. Ich habe ihn vom erſten Augenblick als ſolchen erkannt; aber man wollte ja nicht auf mich hören. Jetzt kommt es an den Tag. Noch dieſen Morgen war der Canonicus Schwarz, einer der Scholarchen des Gymnaſiums, bei mir und erzählte mir, daß auf An⸗ trag des Director Clemens bereits eine Disciplinarunterſuchung gegen den entſetzlichen Menſchen eingeleitet ſei, deren Reſultat ohne allen Zweifel die Entlaſſung, die ſchimpfliche Entlaſſung deſſelben zur Folge haben werde; und während ich noch überlege, wie man am beſten, am ſchla⸗ gendſten documentiren könne, daß man den Wolf in Schafskleidern wohl erkannt habe, muß mir heute Nachmittag der Zufall dieſe Papiere in die Hände ſpielen, die den klarſten Beweis liefern, daß alles Schlimmſte was man dieſem Menſchen nachſagte, noch immer nicht ſchlimm genug war. Ich wußte vom erſten Augenblick an, was die Pflicht mir gebot. Sicher, daß meine Gattin nie erfahren werde, wie ich ſie gewiſſermaßen in dieſer Sache bloßgeſtellt habe, der Discretion eines Edelmanns gewiß, eilte ich—“


