Dritter Band. 21
Es ſchreckt Dich die Nacht nicht, die ſchaurige, wilde, Es lockt Dich der Liebe unendlicher Preis.
Du fliehſt! und mit Recht, was ſoll denn die Stolze, Die Schöne beim Gatten, der Puppe aus Holze
Und Leder? was ſoll ihr ein Lager von Eis?
„Das geht auf mich!“ ſagte Cloten vor Wuth mit den Zähnen knirſchend. „Ohne Zweifel, ohne Zweifel,“ erwiderte der Profeſſor,„aber hören Sie weiter!“ Du fliehſt! und drüben am felſigen Strande, Im Häuschen der Amme, ſo traut und fo klein, Da fallen die drückenden, feſſelnden Bande, Da nennſt Du ihn Dein, da nennt er Dich ſein. Da ſtürzen die feurigen Bäche zuſammen, Da ſchlagen zum Himmel die ſprühenden Flammen, In der Kammer der Alten, ſo nieder und klein.
Du fliehſt! doch ach! nicht dort iſt der Hafen;
Zu nah iſt der Späher; ſein Ange, es wacht;
Wollt Ihr ſelig den Schlaf der Vergeſſenheit ſchlafen, Flieht, wo ein milderer Himmel Euch lacht!
Flieht bis zur Seine geweihetem Strome,
Wo Notre⸗Dame vom heiligen Dome
Mit Mutteraug' über Liebende wacht.“
Der Profeſſor faltete das Blatt zuſammen, ſchob es wieder in die Taſche und ſagte:
„Dieſes Gedicht machte mich, der ich die Dichtweiſe meiner Gattin kenne und weiß, daß ſie ihre Stoffe gern aus dem Leben nimmt, ſehr beſtürzt. Wie erſchrak ich aber, als ich von dem Vorrechte des Gatten Gebrauch machend und weiter zwiſchen den umhergeſtreuten Papieren kramend, dies Zettelchen fand—(hier faßte der Profeſſor in die Weſten⸗ taſche)— kennen Sie dieſe Handſchrift, Herr von Cloten?“
„Es iſt die Hand meiner Frau!“ rief der junge Edelmann, einen Blick auf das Papier werfend;„was ſchreibt ſie? Laſſen Sie ſehen! „Es bleibt bei der Verabredung, liebe Primula! Alles iſt bereit. Rendezvous drüben bei der Lemberg. Morgen um dieſe Zeit liegt eine


