10 Durch Nacht zum Licht.
lebt in der Reſidenz und iſt trotz ihres hohen Alters noch immer in ihrem Berufe— der nebenbei ein halb ärzilicher iſt— thätig. Wenn ich überhaupt je gezweifelt hätte, daß der bewußte junge Mann, wirk⸗ lich, d. h. vor Gericht erweislich, der Sohn des ſeligen Baron Harald von Grenwitz ſei, ſo würde dieſer Zweifel nach dieſen neueſten Ent⸗ deckungen vollkommen bei mir geſchwunden ſein und ich glaube, Frau Baronin, daß Sie mir darin beiſtimmen werden.“
Wenn außer Felix Brief noch etwas nöthig geweſen wäre, um das Herz Anna Maria's zum Zorn zu entflammen, ſo war es die Weiſe, mit welcher Albert Timm das ihr ſo verhaßte Thema weiter führte. Den⸗ noch antwortete ſie mit der Ruhe, welche ſie ſich in Geſchäftsverhand⸗ lungen zur unumſtößlichen Pflicht gemacht hatte:
„Darf ich Sie erſuchen, Herr Geometer, mir zu ſagen, zu welchem Zwecke Sie mich mit dieſen Mittheilungen beehren?“
„Recht gern, Frau Baronin; ich komme eigentlich nur deßhalb. Sie wiſſen, daß man für einen Vogel in der Hand mehr fordern kann, als für einen, der vorläufig noch auf dem Dache ſitzt, und daß, wer ein Ding billiger verkauft, als es werth iſt, gerechten Anſpruch auf den Titel eines Narren hat. Nun kennen Sie die Bedingungen, unter denen ich Baron Felix verſprochen habe, in der bewußten Erbſchafts⸗ angelegenheit reinen Mund zu halten“—
„Verzeihen Sie, daß ich Sie unterbreche, Herr Geometer. Ich weiß nichts von ſolchen Bedingungen; ich habe meinem Neffen Auftrag gegeben, Sie, einzig und allein zu dem Zweck, uns vor Ihnen Ruhe zu verſchaffen, durch irgend eine beliebige Summe abzufinden, und mein Neffe hat mir noch vor ſeiner Abreiſe die Verſicherung gegeben, daß dieſe Angelegenheit definitiv erledigt ſei. Ich muß Sie alſo ein für allemal bitten, nicht wieder auf abgethane Sachen zurückzukommen und mich zu entſchuldigen, wenn ich Sie heute nicht länger mehr bei mir ſehen kann.“
Die Baronin wollte ſich erheben, als Albert mit einem ſo ſcharfen, ſchneidenden Ton ſagte:„Bitte, behalten Sie noch einen Moment Platz, Frau Baronin!“ daß ſie dieſem Befehl halb aus Verwunderung und halb aus Furcht Folge leiſtete.
„Ich habe es ſatt, länger mit mir ſpielen zu laſſen;“ fuhr Albert


