Erſtes Capitel.
„Die Saiſon“ war in Grünwald ſeit langen Jahren nicht ſo glänzend geweſen, wie in dieſem Winter. Es war, als ob man ſchon den Hauch des kommenden Frühlings ſpürte, und die kurze Zeit, die noch blieb, gehörig ausbeuten wollte. Feſt reihte ſich an Feſt; der Himmel mochte wiſſen, wie die alten Herren und Damen das viele Kartenſpielen und die jungen das viele Tanzen, und wie die Einen und die Andern es aushalten mochten, jeden Abend um dieſelbe Zeit mit derſelben Geſellſchaft zuſammen zu treffen. Denn der Cirkel, in welchem ſich dies tolle Treiben bewegte, war ziemlich beſchränkt und beſtand aus vielleicht zwanzig bis fünfundzwanzig Familien, wobei der Militair- und Beamtenadel— die Familie des Kommandanten von Grünwald, Exellenz von Boſtelmann, des Re⸗ gierungspräſidenten von Zitzewitz u. ſ. w. eingerechnet waren. Viel⸗ leicht begünſtigte aber auch gerade dieſe enge Peripherie das witzloſe Behagen, mit welcher ſich die Excluſiven unausgeſetzt in dieſem Kreiſe drehten, wo Jeder von Jedem Jedes wußte, oder zu wiſſen glaubte, oder zu wiſſen wünſchte, und es ſo an unerſchöpflichen Stoff für Klatſchereien nimmer fehlte.
Jede Woche pflegte ein beſtimmtes Thema beſonders eifrig durch⸗ geſprochen zu werden. In der vorletzten war es das ſonderbare Be⸗ tragen der Frau von Cloten geweſen. Es hatten ſich natürlich zwei Parteien gebildet, die eine für die junge Frau, die andere für ihren Gemahl. Jene behauptete, daß Emilie nür aus Verzweiflung über die Treuloſigkeit Arthur's närriſch geworden ſei; dieſe, daß umgekehrt Arthur, närriſch geworden über die Treuloſigkeit Emilien's, in den
Fr. Spielhagen's Werke. XII. 1 2


