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Zweiter Band. 197
Gerade in dieſen Tagen geſchah es, daß Albert eines Abends, als er eben ausgehen wollte, durch die Stadtpoſt einen Brief erhielt, deſſen Lectüre ihn ſo verſtimmte, daß er ſeine urſprüngliche Abſicht, in den Rathskeller zu gehen, wo heute„die Ratte“ eine außerordent⸗ liche Sitzung hielt, vorläufig aufgab und ſtatt deſſen einen Beſuch bei ſeinem Wirth, dem Küſter Tobias Gutherz machte, jenem Mann, der mit dem Geruch ſeines heiligen Lebenswandels das ganze alte Quar⸗ tier enger winkliger Straßen um die alte Brigittenkirche erfüllte.
Herr Tobias Gutherz war Junggeſelle, weil er zu häßlich war, eine Frau zu bekommen, wie er ſelbſt ſagte; weil ſein gottgeweihter Sinn einen ſo weltlichen Gedanken nicht aufkommen ließ, wie die Leute behaupteten. Aber Beides konnte wohl der Grund nicht ſein, denn Herr Tobias war weder häßlich, ſondern ein ganz ſtattlicher Mann in der Mitte der Vierziger, dem eine hohe, an den Schläfen kahle Stirn ein ſehr ehrwürdiges Anſehen gab; noch war Herr Tobias gottesfürchtig, oder ſeine Gottesfurcht hätte darin beſtehen müſſen, daß er des Sonntags Jahr aus Jahr ein in ſchwarzem glänzenden Frack, dito Inexpreſſiblen, und hinten am Rockkragen feſtgeſtecktem ſchwarzem Talar(der Amtstracht der Küſter in jener Gegend) mit ſcheinheiliger Miene durch ſeine Kirche ſchritt und den„andächtigen Zuhörern“ den Klingelbeutel unter die Naſen ſchob. Daß Herr Tobias böſen Geiſtes Kind war, wußten allerdings nur ſehr wenige Menſchen in Grünwald, wo ſich der wackere Mann ſeit einigen zwanzig Jahren aufhielt; vielleicht nur Einer und dieſer Eine war der Bewohner der beiden Zimmer in der Beletage ſeiner Amtswohnung: Herr Geometer Albert Timm.
Herr Tobias hatte in einer Stunde, wo der Geiſt des von ihm heißgeliebten Grogs ſtärker war, als der Geiſt der Lüge, die Maske fallen laſſen und Herrn Timm„dem famoſen Kerl“ ſein wahres Geſicht gezeigt. Herr Tobias Gutherz und Herr Albert Timm hatten ſich in dieſer Stunde Du genannt und eine Freundſchaft geſchloſſen, deren Feſtigkeit und Dauer durch eine auffallende Gleichheit der Nei⸗ gungen für Weiber, Wein und Würfel und die Gemeinſchaft ver⸗ ſchiedener zarter Geheimniſſe garantirt wurde.
Albert Timm trat mit dem Hut auf dem Kopfe zu ſeinem Wirth


