Zweiter Band. 37
die Frau eines Mannes, mit dem ſie ſich in einer eiferſüchtigen Laune verlobt, den ſie aus purer Caprice geheirathet hatte.
Der Erfolg, den ſie auf den erſten Bällen dieſer Saiſon gehabt, entſprach ihren kühnſten Hoffnungen. Sie ſah die Männerwelt zu ihren Füßen und das Bewußtſein der Macht ihrer Reize war ein vortreffliches Relief ihrer koketten Schönheit. Siegesgewißheit ſtrahlte aus ihren großen mandelförmigen grauen Augen, Siegesgewißheit ſpielte um ihren großen, aber keineswegs unſchönen Mund mit den herrlich weißen Zähnen; Siegesgewißheit lächelte ſchalkhaft aus den Grübchen ihrer roſigen Wangen; Siegesgewißheit verkündete ſelbſt das Rauſchen ihres langen ſeidenen Kleides und das Winken und Nicken der weißen Straußenfeder auf dem reizenden Hütchen von ſchwarzem Sammet, aus dem das hellbraune glänzende Haar in üppigen Flechten hervorquoll.
Herr von Cloten ſeinerſeits ſchien ſchon angefangen zu haben, das hohe Glück, der Gemahl einer ſo glänzenden Dame zu ſein, einiger⸗ maßen problematiſch zu finden. Er hatte um die Augen herum ein ganz klein wenig von dem Ausdruck einer Truthenne, die ſich Wochen⸗ lang über der Hoffnung des Glücks, dermaleinſt junge, anſtändige Truthühner auf dem Hofe ſpazieren führen zu können, halb blödſinnig geſeſſen und geträumt hat, und nun plötzlich ihre Brut als wilde übermüthige Entlein auf den Teich hinausſchwimmen ſieht. Wer ihn früher gekannt hatte, mußte die Bemerkung machen, daß er ſeinen blonden Schnurrbart weniger häufig drehte und feine Stimme nicht mehr ganz ſo ſelbſtgefällig ſchnarrte. Vielleicht trug zu dieſer ſicht⸗ lichen Verſtimmung auch die unerwartete und jedenfalls unerwünſchte Begegnung mit ſeiner treulos(und etwas feig) verlaſſenen Geliebten bei, wie umgekehrt dieſer ſelbe Zuſtand die gute Laune der jungen Frau noch weſentlich zu erhöhen ſchien. Hatte ſie doch das angenehme Bewußtſein, Hortenſe geſtern Abend vollſtändig verdunkelt zu haben für ſich, weßhalb ſollte ſie jetzt an dem Anblick ihrer Nebenbuhlerin nicht ihre innige Freude haben? ſie mit allen Zeichen herzlichſter Freundſchaft bewillkommnen? und theilnehmend fragen, ob ſie ihre Kopfſchmerzen von geſtern Abend verſchlafen habe?
„Wie ſchade, liebe Barnewitz, daß Ihre Migräne Sie zwang, vor


