Erſtes Capitel.
Die„Penſionsanſtalt für Töchter höherer Stände“ in der Vor⸗ ſtadt von Grünwald war nicht ganz das Zuchthaus für junge Mäd⸗ chen, die nicht gut thun wollen— wie die Studenten von Grünwald und andere Spötter behaupteten; noch war die Vorſteherin des In⸗ ſtituts, Fräulein Amalie Bär— genannt die Bärin— durchaus der weibliche Drache, zu dem ſie die Läſterzungen gern gemacht hätten. Freilich ließ ſich nicht in Abrede ſtellen, daß am Tage die Rouleaur in den nach der Straße gehenden Fenſtern faſt immer herabgelaſſen waren und man nach neun Uhr Abends niemals mehr Licht in dem Hauſe erblickte; daß man die Penſionärinnen immer nur paarweiſe in einem mehr oder weniger langen, von einer Lehrerin geführten und von einer anderen Lehrerin geſchloſſenen Zuge auf den Promenaden ſah; daß kein Brief über die Schwelle des Hauſes kam oder ging, der nicht in dem Bureau des Fräuleins einer ſtrengen Cenſur unter⸗ worfen und gleichſam zuvor abgeſtempelt wurde; aber dieſe und ähn⸗ liche Anordnungen ſind zum Theil allen„Penſionsanſtalten für Töchter höherer Stände“ gemeinſam, zum Theil hatten ſie in diefem beſon⸗ deren Falle vielleicht eine beſondere Berechtigung. Unter den„höheren Ständen,“ auf deren weiblichen Nachwuchs das Inſtitut ſpeculirte, iſt faſt ausſchließlich der hohe Adel der Gegend zu verſtehen, da bürgerliche Mävchen ſehr ſelten angemeldet wurden und noch ſeltener Aufnahme fanden. Junge Damen von Adel aber, die auf dem Lande geboren und erzogen, in der doppelten Freiheit des Landlebens und
der eximirten ſocialen Stellung aufgewachſeng ſind, die mit zwölf—
Jahren ihre Ponys mit der Gewandtheit einer Kunſtreiterin tummeln, Fr. Spielhagen's Werke. KI. 1


