Erſter Band. 215
„überaus romantiſche Kataſtrophe auf Schloß Grenwitz“ noch viel intereſſanter geworden war, mit der doppelten Wärme der Freund⸗ ſchaft und der Bewunderung. Indeſſen ließ ſich Oswald, der ent⸗ ſchloſſen war, die Dämen ſich womöglichſt ſämmtlich geneigt zu machen, nicht lange von der Dichterin aufhalten; er ſprach ernſt mit den älteren; er ſcherzte mit den jüngeren, und hatte nach Verlauf von zehn Minuten offenbar das gewünſchte Ziel erreicht.
Während deſſen war er von den Herren, die ſich um Profeſſor Jäger verſammelt hatten, eifrig beobachtet worden. Der Interpret der Fragmente des Chryſophilos haßte Oswald mit einem ganz ge⸗ ſunden langathmigen Haß. Oswald war dem eitlen Mann niemals mit der Aufmerkſamkeit, die er beanſpruchte, entgegengekommen, hatte ihn im Gegentheil, beſonders in der letzten Zeit in Grenwitz, mit ganz unverhohlener Geringſchätzung behandelt. Der Profeſſor Jäger hatte die dem Paſtor Jäger angethane Beleidigung nicht vergeſſen und wartete nur auf eine paſſende Gelegenheit, die ſo lange auf⸗ geſammelte Summe des Haſſes abzutragen. Indeſſen war er viel zu klug und zu feige, offen mit der Sprache herauszugehen, als ihn jetzt die Herren vom Ghymnaſium über Oswald, den„er ganz genau zu kennen“ behauptete, befragten. Er begnügte ſich mit myſteriöſen An⸗ deutungen, wie: Ein junger Mann, über den ſich viel ſagen ließe; — Sie werden ihn ja ſelbſt kennen lernen, meine Herren;— ich will. wünſchen, daß er ſich mittlerweile die Hörner etwas abgelaufen hat; hm, hm! Er iſt, wie Sie wiſſen, der Schüler Berger's. Nun, Berger war ein bedeutender Mann, ein glänzender Geiſt; aber er ſitzt jetzt in der Heilanſtalt zu Fichtenau und es zeigt ſich einmal wieder, daß nicht alles Gold iſt, was glänzt; hm, hm!— Dieſe und ähnliche Worte fielen wie ein giftiger Nebel in die zum Theil ſehr harmloſen Seelen der Schulmänner.
„Wenn wir das gewußt hätten, Collega,“ ſagte Director Cle⸗ mens heimlich zu Profeſſor Snellius.
Profeſſor Snellins zuckte die Achſeln und erwiderte:„Ich hoffe viel von dem Vortheil, den er aus unſerm Umgang ſchöpfen wird. Der Verkehr mit wahrhaft gebildeten, gelehrten—“
„Wahrhaft humanen,“ ſchaltete der Director ein.


