Erſter Band. 207
Profeſſor Snellius, Ordinarius der Prima und Conrector, ein Mann in dem Anfang der Vierziger, ſtrebt ebenfalls und wohl in noch energiſcherer Weiſe wie Director Clemens nach dem Idealen und wird in dieſem Streben vielleicht noch mehr als jener durch ſeine äußere Erſcheinung ausnehmend begünſtigt. Wenn die Schönheit des Director Clemens ein etwas unbeſtimmtes Gepräge hat, ſo iſt auf den reinen Zügen des Profeſſor Snellius der Charakter deutlich aus⸗ geprägt; auch der Uebelwollendſte kann die Behauptung der Verehrer des Profeſſors, daß er mit ſeinem Lieblingsdichter Schiller eine mehr als flüchtige Aehnlichkeit habe, nicht ganz in Abrede ſtellen. Dieſelbe kühn geſchwungene Naſe, um deren Flügel es ſo tief elegiſch zuckt, derſelbe Ernſt, dieſelbe Hoheit, dieſelbe lange Geſtalt, die nur, den Anforderungen der Zeit gemäß, in kein ideales Coſtüm, ſondern in einen einfachen ſchwarzen Anzug gekleidet iſt, deſſen peinliche Sauber⸗ keit der ſchneeigen Weiße des etwas feſt umgebundenen ſteifen Hals⸗ tuchs entſpricht. Profeſſor Snellius iſt Pädagog im eminenten Sinne. Seine Gelehrſamkeit iſt geradezu ſchwindelerregend. Er lehrt ſämmt⸗ liche neuere Sprachen, Latein, Griechiſch, Hebräiſch, Sanſerit und hat ſich auch in ſeinen Mußeſtunden etwas im Chineſiſchen umgeſehen. Er ſchwärmt für die Jugend und ſeinen Beruf der Jugenderziehung. Seine Anſichten über dieſe ſo höchſt wichtige Aufgabe und ſeine Vor⸗ ſchläge zur zweckmäßigſten Löſung derſelben hat er in ſeinem umfang⸗ reichen Werk:„Geſchichte der Erziehung bei den weſtaſiatiſchen Völkern bis zur Zeit Rameſes des Großen,“ niedergelegt. Das Motto dieſes Werks, und zugleich der Wahlſpruch des Profeſſor Snellius, iſt: Durch Kampf zum Sieg. Profeſſor Snellius nimmt es ernſt mit dem Leben und ſtottert ein wenig, wenn er, was ihm häufig begegnet, über den Mangel an idealen Schwung bei ſeinen Schülern oder ſonſt über ein Lieblingsthema in Eifer geräth.
Frau Profeſſor Snellius iſt eine kleine Dame, die unbedeutend ſein würde, wenn ſie nicht einen ſo bedeutenden Gelehrten zum Gatten hätte. Fräulein Ida Snellius iſt ein überaus langes und überaus linkiſches Mädchen von ſechszehn Jahren, das ihrem Vater merk⸗ würdig ähnlich ſieht und in dem Rufe ſteht, die Erbſchaft der Ge⸗ lehrſamkeit ihres Vaters ſchon jetzt zum Theil angetreten zu haben.
3


