Erſter Band. 205
ſeines Weſens und ſeiner Erſcheinung ein Compliment macht.„Huma⸗ nität“ iſt ſein drittes Wort. Der gelehrten Welt iſt er durch ſein moraliſch⸗philoſophiſches Werk:„Läuterung des Menſchen zur wahren Humanität“ und dem größeren Publicum durch ſein dramatiſches Gedicht„Johannes auf Patmos“ bekannt, welches bereits in der Univerſitäts⸗Buchhandlung von Grünwald in zweiter Auflage erſchie⸗ nen iſt und das Motto trägt:„Homo sum, nihil humani mihi alienum puto.“
Frau Director Clemens iſt, zum mindeſten in ihrer äußeren Er⸗ ſcheinung, das genaue Gegentheil ihres Gatten. Ihre Geſtalt iſt weit über das gewöhnliche Maß groß und breit und ſtark. Die Züge ihres Geſichts ſind dem entſprechend plump und maſſiv; ihre Stimme iſt ein nicht allzu tiefer Baß und ihre Bewegungen und Manieren haben etwas von dem Rollen eines Schiffes bei hohem Seegang. In der That iſt ſie die Tochter eines Poſtdampfſchiffs⸗Capitains und in ihrer zarten Jugend mit ihrem Vater zweimal in Oſtindien ge⸗ weſen. Man begreift nicht recht, wie der äſthetiſirende, für Hogarths line of beauty begeiſterte Gatte gerade dieſe Wahl hat treffen können, und kann dieſelbe nur durch jene geheimnißvolle Wahlverwandtſchaft, welche das Strenge mit dem Zarten und das Starke mit dem Milden
zu paaren liebt, erklären. Indeſſen iſt der Gegenſatz der beiden Charaktere bei genauerer Betrachtung weniger groß, als es anfänglich ſchien. Dem Gatten iſt es gelungen, die etwas ſchwerfällige Pſyche ſeiner Gattin emporzuflügeln. Er hat ihr ſo viel von der wahren Humanität vorgeſprochen, daß ſie feſt entſchloſſen iſt, trotz ihrer koloſ⸗ ſalen Geſtalt äſthetiſch und trotz ihrer mangelhaften Erziehung gebildet zu ſein. Sie lieſ't viel, wenn ſie gleich vielleicht nicht Alles verſteht und iſt die Stifterin und Directrice eines„dramatiſchen Kränzchens,“ obgleich ihr die Lehre vom Gebrauch des Accuſativs und des Dativs nie ganz klar geworden iſt.
Die beiden Fräulein Clemens ſind neunzehn und achtzehn Jahr alt und haben die ſchönen Vornamen Thusnelde und Fredegunde. Fredegunde gleicht mehr der Mutter, Thusnelde mehr dem Vater; doch iſt die Charakterverſchiedenheit, die bei den Eltern durch das ge⸗ meinſame Streben nach Humanität beinahe ausgeglichen wurde, bei


