Erſter Band. 53
„Lasciate ogni speranza, voi ch' entrate!“
Ein Schauer durchrieſelte Oswald. Er blieb unſchlüſſig vor der Thür ſtehen, bevor er es über ſich gewinnen konnte, zu klopfen. Er lauſchte, ob ſich nichts drinnen rege; er hörte nichts. Endlich faßte er ſich ein Herz und klopfte mit feſter Hand. Da er keine Antwort erhielt, ſo klopfte er lauter; abermals keine Antwort. Eine bange Furcht ergriff ihn; er öffnete haſtig die Thür und trat in das Zimmer.
Siebentes Capitel.
Oswalds Furcht war unnöthig geweſen. Mitten in dem großen, durch die heruntergelaſſenen Vorhänge halbdunklen Gemache ſaß Ber⸗ ger an einem mit Büchern bedeckten Tiſche. Er hatte den geſenkten Kopf in beide Hände geſtützt und ſchien zu ſchlafen, denn er regte ſich, obgleich er mit dem Geſicht nach der Thür zu ſaß, ſelbſt dann noch nicht, als Oswald bis an den Tiſch getreten war, Oswald wagte nicht, ihn zu wecken. Er blieb an dem Tiſch ſtehen und ſchaute mit Augen, die ſich, ihm kaum bewußt, mit Thränen füllten, auf den Dulder. Welche Verwüſtungen hatten dieſe wenigen Monate in dem einſt ſo ſtolzen energiſchen Geſicht angerichtet! das dunkle lockige Haar war ergraut; die maſſive, wie aus Granit gehauene Stirn ſchien, da die Schläfen kahl geworden waren, noch gewaltiger und imponirender. Ein voller Bart, den Berger ſonſt nicht trug, floß ſilbergrau von Wangen, Lippen und Kinn herab, daß die Spitzen faſt die Tiſchplatte berührten. Die Hände, die einſt ſo ſorgſam gepflegten rundlichen Hände waren ſo mager, ſo durchſichtig mager geworden! Und dieſer Anzug! eine blaue Blouſe anſtatt des ſchwarzen Rockes, an dem kein Federchen geduldet wurde; ein grobes, zerknittertes Hemd an ihm, der früher einen Luxus mit feinſter, blendendweißer Wäſche trieb! Auf dem Tiſch ein abgetragener runder Filz und ein Stock, der offen⸗ bar noch vor kurzer Zeit der integrirende Theil einer Dornenhecke geweſen war, anſtatt des ſorgſam gebürſteten Pariſer Hutes und des


