Erſter Band. 29
Herr Director Caspar Schmenckel war, ehe die Fülle reichlich genoſſener Spirituoſen das ſchöne Ebenmaß ſeines Körpers beein⸗ trächtigte, ein ſehr ſtattlicher Mann und der Held vieler galanten Abenteuer geweſen, in welchen ſelbſt vornehme Damen, die auf den breitſchultrigen Herkules ein wohlgefälliges Auge geworfen hatten, eine ſehr bedenkliche Rolle ſpielten. Herr Schmenckel kam gern nach dem dritten Schoppen auf dieſe Hervenzeit ſeines Lebens zu ſprechen, und da er heute Abend die geheimnißvolle Zahl, welche das keuſche Siegel ſeines Mundes löſte, ſchon mindeſtens um das Doppelte über⸗ ſchritten hatte, ſo wäre es für die Moralität der jungen Burſchen, welche, die Gläſer in der Hand, ſich um den Tiſch drängten, vielleicht beſſer geweſen, wenn ſie„die grüne Mütze“ gerade heute Ahend mit ihrer Gegenwart nicht beehrt hätten.
Herr Schmenckels Phantaſie gehörte zur Kategorie der blühenden, und wo gewöhnliche Sterbliche nur Mücken tanzen ſehen, erblickte ſein rollendes Auge Elephantenheerden. Er ſpeculirte mit einer un⸗ glaublichen Kühnheit auf die Leichtgläubigkeit ſeiner Zuhörer; vor allem ſuchte er bei jeder Gelegenheit den Nimbus des Abeuteuerlichen um ſich und die Mitglieder ſeiner Geſellſchaft möglichſt dicht zu ziehen. Der Vorfall heute Abend auf der Finkenwieſe zwiſchen dem verrückten Herrn und der Czika war für dieſen Zweck viel zu geeignet, als daß ihn Herr Schmenckel nicht in ſeiner Weiſe hätte ausbeuten ſollen. Nun war freilich die Zigeunerin erſt vor einigen Tagen, als er mit ſeiner Truppe durch die Berge von Braunburg nach Fichtenau zog, ganz zufällig mit ihrem Kinde zu ihm geſtoßen, und Herr Schmenckel wußte von ihren Antecedentien ſo wenig wie irgend einer der Anweſenden; aber um ſo freieres Spiel hatte ſeine Phantaſie bei der Erfindung eines Märchens, das ſich den neugierigen Gäſten aufheften ließ, die wieder und immer wieder auf das ſchöne Kind und auf die Zigenunerin, die im erſten Theil der Vorſtellung als Tänzerin aufgetreten war, zurückkamen.
„Ja ſchaun's, ihr Herren,“ ſagte Director Schmenckel,„das iſt eine geheimnißvolle Geſchichte und ich möchte ſie wohl erzählen, wenn ſelbige nit gar ſo ſehr unglaublich wäre.“
Herr Schmenckel tauchte ſeine rothe Naſe in ſein halbvolles Bier⸗


