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Die von Hohenſtein.
liche Plan, der dem Ganzen zu Grunde lag, war doch wohl zu er⸗ kennen und fand die einſichtige Anerkennung Onkel Peter's und Holm's. Man konnte ſich an den herrlichen Bildern, welche die Durchblicke, die man durch Wegnehmen der Bäume hier und da ge⸗ wonnen hatte, nicht ſatt ſehen, und ſo war die Sonne bereits hinter den Hügeln untergegangen, als man aus dem Walde auf die Matte heraustrat. Wolfgang brachte aus dem Holzhäuschen Decken herbei, auf denen ſich die Geſellſchaft lagerte, mit Ausnahme des Herrn von Degenfeld, der vorläufig noch, die Hände reibend, auf⸗ und nieder⸗ ging, um ſich des Entzückens, das Alle in dem Anſchauen dieſer Herrlichkeit empfanden, um ſo bequemer freuen zu können. Herr von Degenfeld beſaß mehr Häuſer, Güter und Fabriken, als er ſelbſt in jedem Augenblicke gegenwärtig hatte, aber dieſe kleine, ein paar Morgen große Matte war ſein höchſter Stolz. Und er hatte auch Urſache dazu. Einen ſchöneren Punkt mochte man ſchwerlich finden. Zu Füßen das freundliche, von Dörfern und Häuſern überſäete Thal, aus dem die ſchroffen, vom letzten Abendſchein umflimmerten kahlen Felswände ſo machtvoll herauswachſen; im Rücken die lieb⸗ lichen waldbewachſenen Hügel, auf welche die hohen Berge, die weiter zurück ſtehen, ſtill und groß herabſchauen, und nun, wo ſich rechts die Felscouliſſen auseinanderſchieben, ſo weit zurück, daß man das Donnern der mächtigſten Lawinen nicht mehr hört, und doch ſo nah, daß man jede Spalte in den Gletſchermaſſen erkennen kann, die Rieſen der Alpenwelt, die mit ihren eiſigen Häuptern wunderbar in den tiefblauen Abendhimmel, wie in die Ewigkeit, wachſen.
Die milde ernſte Schönheit der Stunde und des Ortes ſtimmte ganz zu den Gefühlen, von denen die Herzen der guten Menſchen, die heut Abend hier noch einmal beiſammen ſaßen, um ſich morgen in der Frühe auf lange Zeit wieder zu trennen, bewegt waren. Was die Zeit in der Jahre Vollendung Gutes und Schlimmes gebracht hatte, ging an ihrer Frinnerung vorüber; aber das Schlimme hatte ſeine Bitterkeit verloren und geſellte ſich zum Guten, wie die Nacht ſich zum Tage geſellt. Herr von Degenfeld erzählte von ſeinem Bruder, dem Major, mit welchem Ernſt er ſchon als Knabe nach dem Höchſten gerungen und wie er die unendliche Güte ſeines Herzens


